Eine Geschichte des Kapitalismus auf 130 Seiten zu schreiben erinnert an den berühmten Pudding, den es an die Wand zu nageln gilt. Doch dem Berliner Sozialhistoriker Jürgen Kocka gelingt es vorzüglich. In schnörkelloser Sprache und glasklar gegliedert, nagelt er fest, was das Wirtschaftssystem ausmacht, das wir tagtäglich erleben und das uns so viel Kopfzerbrechen bereitet.

Kocka steigt ein mit einer Klärung der Begrifflichkeiten und entwickelt unter Rückgriff auf Marx, Weber und Schumpeter eine Definition, die die Rolle von individuellen Eigentumsrechten, Märkten und Kapital betont. Obwohl die Ideengeschichte immer wieder aufblitzt, liegt der Schwerpunkt auf dem gelebten Kapitalismus, auf seinen Praktiken und Institutionen. Das Buch geht von den mittelalterlichen Kaufleuten Chinas und Arabiens über die Kolonialreiche der frühen Neuzeit bis hin zu Industrialisierung und Arbeiterbewegung, schließlich zum Aufstieg der kapitalistischen Firma und dem Vormarsch der Finanzmärkte, wobei Kocka bei letzterem Thema seine Skepsis kaum verbergen kann oder will. Einige Themenstränge ziehen sich durch das Buch: das spannungsreiche Wechselverhältnis von Markt und Staat, die häufige Verbindung kapitalistischer Praktiken mit Gewalt, aber auch die einzigartige Fähigkeit, den Lebensstandard anzuheben – je nach den ihn umgebenden Institutionen nur für kleine Eliten oder auch für breitere Bevölkerungsschichten. Kockas luzide Darstellung ist ein Lesevergnügen. Sie hält zahlreiche überraschende Details bereit, rückt Klischees zurecht und macht Lust darauf, sich detaillierter mit den von ihm eröffneten Themenfeldern zu befassen.

Wäre dieses Buch eine Laudatio auf einen schwierigen Jubilar, er dürfte zufrieden sein über die nuancierte Darstellung, die ihm zuteil wird. Doch die große Frage, die unterschwellig auch Kocka umzutreiben scheint, ist die nach dem wahren Alter des Jubilars: Leidet das System noch an Kinderkrankheiten und harrt der Reifung? Oder liegt es in den letzten Zügen und wartet auf die Ablösung durch etwas Neues, Besseres? In Kockas Darstellung fühlt man sich eher an einen Mittvierziger erinnert, der ein paar Jahre mit zu viel Stress und zu viel Alkohol hinter sich hat und sich nun fragt, wie es weitergehen soll.

Kocka verzichtet wohlweislich auf Spekulationen über die Zukunft. Doch das Buch enthält für diejenigen, die dieser Versuchung nicht widerstehen können, eine wichtige Botschaft. Der Kapitalismus hat in den verschiedensten politischen, sozialen und kulturellen Kontexten existiert, und er hat dabei sehr unterschiedliche Formen angenommen, auch und gerade, was das Wohlergehen der arbeitenden Massen angeht. Es besteht also Grund zur Hoffnung für eine Neujustierung, sowohl wenn es um ökologische Nachhaltigkeit geht wie in der Frage, ob der Kapitalismus dem Wohl der Gesellschaft als Ganzer zu dienen vermag. Auch diese Aufgabe gleicht einem an die Wand zu nagelnden Pudding, besonders angesichts der internationalen Dimensionen des heutigen Kapitalismus. Die Lektüre von Kockas Buch weckt vorsichtigen Mut, dass sie trotzdem gelingen könnte.