Fünf Uhr morgens. Ich sitze im Büro eines Bekannten und warte auf den Fahrer, der uns zum Flughafen bringen soll. Draußen ist es dunkel. Der Muezzin ruft.

"Ergibt das Sinn für dich?", fragt mich der Bekannte.

"Hm? Was?"

"Er ruft: ›Gott, wo bist du? Wo bist du nur?‹" Ich frage mich: Ist er nicht eigentlich derjenige, der das wissen sollte?

Vier Stunden später rumpeln wir 300 Kilometer entfernt in einem Landcruiser auf Schotterwegen durchs zentrale Hochland Afghanistans. Die Caritas hat Journalisten zu einer Reise nach Daikundi eingeladen, einer der ärmsten Provinzen des Landes. Und einer der schönsten, am Horizont reihen sich Bergketten aneinander. Stein in allen Farben: Gelb, Braun, Rot, Grau, Grün, Orange, Blau.

Wir sind auf dem Weg zu einer afghanischen Organisation, die seit Jahren versucht, den Leuten hier zu helfen. Es sind vor allem Hazara, eine Minderheit. Früher wurden sie verfolgt und umgebracht, heute haben sie den Ruf, engagierter und wissbegieriger als alle anderen Volksgruppen zu sein.

Das größte Problem in Daikundi ist Wasser. Entweder gibt es zu viel oder zu wenig, Dürre oder Flut; Ackerbau ist kaum möglich. Und andere Jobs gibt es nicht. Die meisten hier essen nichts außer Brot.

Im Büro werden Reis, Gemüse und Fleisch aufgetischt. "Was würdet ihr Präsident Karsai sagen, wenn er hier wäre?", frage ich. "Dass wir mehr Straßen brauchen", sagt ein Mann. "Mehr Erziehung, mehr Jobs, mehr Essen", ein anderer. "Dass wir hier nicht mehr wegkönnen", sagt eine junge Frau, "weil die angrenzenden Provinzen so gefährlich geworden sind." Den ganzen Nachmittag trinken wir Tee und reden über das, was fehlt in dieser gottverlassenen Gegend. Es ist zum Verzweifeln.

Abends, nach dem Essen, sagt einer der Mitarbeiter: "Ich bin übrigens Vorsitzender einer Partei."

Ich bin irritiert. Ein politisches Amt ist in dieser Runde nicht gerade etwas, womit man sich brüstet.

"Der Partei der Verrückten."

Jetzt bin ich erst recht irritiert.

"Willst du wissen, wie ich das geschafft habe?"

"Unbedingt."

"Ich wollte Eier braten für Gäste. Zehn Stück hab ich zerschlagen. Als ich umrühren wollte, sah ich, dass in der Pfanne nur Schalen waren. Die Eier hatte ich in den Mülleimer geschmissen." Ein anderer Mann fällt ihm ins Wort: "Und weißt du, was der Finanzminister gemacht hat? Er wollte sein Auto reparieren und hatte ein paar Geldscheine in der Brusttasche. Damit sie nicht rausfallen, wenn er unter den Wagen kriecht, hat er sie aufs Dach gelegt. Später ist er dann einfach losgefahren."

Wir verbringen die nächsten beiden Tage zusammen. Wir sprechen mit einer Witwe, die kein Geld, kein Land und keine Arbeit hat, aber drei Enkelkinder, die sie versorgt. Mit einem Vater, der 12.000 Euro Schulden aufgenommen hat, um die Beerdigungen seines Vaters und dreier Brüder bezahlen zu können. Wir sehen unzählige Kinder mit fleckigen Gesichtern, was an der Mangelernährung liegt.

Am letzten Abend treffen wir einen Ladenbesitzer. Auf seinem Tisch liegen sieben Bücher, in denen er seine Schuldner notiert. Es sind fast 3000. Er erklärt uns, dass es für die meisten mit dem Kredit noch schlimmer werde. Weil sie irgendwann ihr letztes Stück Land abgeben müssten. Das letzte Schaf. Den letzten Baum für Brennholz. Als mir keine Fragen mehr einfallen, kaufe ich zwei Litergläser Honig, zwei große Tücher und ein Knoblauch-Shampoo. "500 Afs", sagt der Ladenbesitzer. Nicht mal sieben Euro. Ich gebe 550, obwohl Trinkgeld nicht üblich ist, und sage: Sais, passt schon. "Nee." – "Sais. " – "Nee." – "Sais. " – "Ronja, du hast ihn falsch verstanden. Du musst 1250 Afs zahlen", sagt der Parteivorsitzende. Dann ruft er: "Wir haben einen neuen Finanzminister!"

"Ich bin auch Mitglied", sagt der Ladenbesitzer und gibt mir die Hand: "Department of Human Ressources." Er hat einmal einen Kunden verprügelt, weil der ihm tags zuvor Falschgeld untergeschoben hatte. "Irgendwann hab ich gemerkt, dass ich den Falschen erwischt hatte", sagt er. Wir schießen ein Foto, um meinen Eintritt in die Partei zu dokumentieren.

Auf dem Weg zum Auto merke ich, dass ich meine Tasche verloren habe. "Hast du sie gesehen?", frage ich. "Hat sie jemand eingepackt? Ist sie vielleicht im Auto?" Alle suchen. Nach einer Minute merke ich, dass sie über meiner Schulter hängt.

Als der Parteivorsitzende das mitbekommt, sagt er mit feierlicher Stimme: "Als erster Mensch überhaupt erhältst du die Erlaubnis, die Partei außerhalb von Afghanistan zu gründen. Du bist jetzt unser Repräsentant für Deutschland, such dir ein gutes Team. Und sag deinen Leuten, dass wir ihre Geschichten hören wollen."