Die Gläser stehen immer noch griffbereit in Reih und Glied auf der Theke. An den Tischen aber sitzt kein einziger Gast. Der Gasthof Du Soleil im kleinen Juradorf Saint-Brais ist geschlossen. Sein Wirt Jean Bader starb vor vier Jahren. Und Christophe, der Sohn der Baders, der die Beiz übernehmen sollte, war damals schon lange tot. Ein Unfall im Jahr 1993, der die ganze Schweiz erregte. Denn Christophe Bader, 21 Jahre alt, war das Opfer eines politischen Konflikts: der Jura-Frage. Einer Frage, die derzeit wieder aufkommt. Am 24. November entscheiden die Bewohner des Berner Juras und des Kantons Jura an der Urne, ob sie sich zu einem größeren Kanton vereinigen. Oder nicht. Die Abstimmung soll einen Konflikt beenden, der in der jüngeren Schweizer Geschichte ohne Parallele ist.

Im Januar 1993 saß der junge Christophe Bader in seinem Auto auf einem Parkplatz in der Berner Altstadt, als eine mächtige Explosion die Winternacht erschütterte. Ein Sprengsatz, den er bei sich hatte, war vorzeitig detoniert. Eigentlich hätte die Bombe vor dem Berner Rathaus hochgehen sollen, wie die Bundesanwaltschaft später ermittelte. Christophe Bader war sofort tot.

20 Jahre später sitzen die 66-jährige Marie-Louise und der 45-jährige Jacques Bader, Christophes Mutter und Bruder, in der Gaststube des Du Soleil. Nach einem Brief- und Mailwechsel haben sie eingewilligt, von der schmerzhaften Verwicklung ihrer Familiengeschichte mit dem Jurakonflikt zu berichten. Und von Christophe, der einer militanten jurassischen Gruppe angehörte, von ihrem Sohn, der auf dem Friedhof gegenüber vom Du Soleil begraben ist.

Der Tod von Christophe Bader war der Anfang der Versöhnung

Bis in die neunziger Jahre war das Klima zwischen dem Kanton Bern und Separatisten im Jura vergiftet. Mit gegenseitigen Provokationen, Brandanschlägen der Aktivisten und Polizeieinsätzen der Staatsgewalt. Dem Rest der Schweiz kommt diese lokalpatriotische Aufwallung heute skurril und verjährt vor. Marie-Louise Bader aber erzählt von den hitzigen Jahren, als ob es gestern gewesen wäre: "Am 7. Januar 1993 rief um halb acht Uhr am Morgen der Metzger aus Nidau bei Biel an, bei dem mein Sohn in der Lehre war, und sagte, Christophe sei nicht zur Arbeit erschienen. Am Vorabend war er noch bei uns in Saint-Brais, und er hat sich auch für den Abend des 7. Januars, seinen Geburtstag, angemeldet." Der Metzger sei nach Lamboing oberhalb des Bielersees gefahren, an Christophes Wohnort, und habe ihn gesucht. Als Marie-Louise Bader gegen Mittag nach Lausanne aufbrach, fehlte von Christophe immer noch jede Spur. "Ich machte mir Sorgen", sagt sie – und schweigt. Man hört jetzt in der Gaststube nur das Ticken einer Uhr.

Am Mittag tauchte die Polizei in der Gaststube auf. "Sie kamen zu dritt und durchsuchten das ganze Haus", erinnert sich Jacques Bader. Der ältere Bruder von Christophe war damals 23 Jahre alt. Der Vater habe das Du Soleil für den Rest des Tages zugesperrt. Da habe man in Saint-Brais begriffen, dass etwas Ernstes passiert war. Im Radio kam die Nachricht von der Bombenexplosion und dem Todesfall in Bern. Am Nachmittag wurden Vater Bader und eine seiner Töchter ins Gerichtsmedizinische Institut aufgeboten, zur Identifikation des Toten. "Ich wollte Christophe nicht mehr besuchen, der Schmerz war zu groß", sagt Bruder Jacques und blickt unverwandt durch seine randlose Brille. Die Mutter nahm später in der Aufbahrungshalle im nahen Saignelégier Abschied von ihrem Sohn. "Ich wollte ihn sehen, er hatte kaum Verletzungen, nur einen schwarzen Fleck. Getötet hat ihn der Druck der Explosion", erzählt sie. Sie habe dem toten Sohn Fragen gestellt: "Warum hast du das getan? War das deine Wahl? War das dein Leben wert?"

Christophes Beweggründe versteht seine Mutter bis heute nicht.

Für andere lagen die Motive auf der Hand. Der Blick sprach von "Terrorismus" und nannte Christophe Bader einen "Fanatiker" und "Bombenleger". Bundesrat Arnold Koller erklärte, die militanten Separatisten hätten eine Grenze der Eskalation überschritten. Selbst die Béliers, die Widder, die separatistische Jugendorganisation, die für einen "Jura libre" kämpfte, distanzierten sich von den gewaltbereiten Militanten. In Saint-Brais, sagt Jacques Bader, seien die Leute zuerst verunsichert auf Distanz gegangen. An Christophes Beerdigung aber erschien der Regierungsrat des Kantons Jura in corpore.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Tod des Militanten Christophe Bader im Jurakonflikt die Wende brachte: von der Konfrontation zum Dialog. Die Explosion vom 7. Januar 1993 hatte einen langen Widerhall. Sie gab den Anstoß, dass die Kantone Bern und Jura ein Jahr später, unter Führung des Bundes, ihre Versöhnungsarbeit begannen. Mit der Abstimmung vom 24. November soll diese Vermittlung nun ihren Abschluss finden.

Ist es ein Trost, dass der Tod des Bruders immerhin zum Frieden im Jura beitrug? Jacques Bader sagt: "Das Klima hat sich abgekühlt, es werden keine Autoreifen mehr aufgestochen und keine Stinkefinger mehr gezeigt. Aber das hilft nicht gegen den Schmerz über Christophes Tod." Mit diesem Schlag zurechtgekommen sei er nur, erzählt der Bruder, weil er zum Glauben gefunden habe.

Um die heftigen Emotionen im Jura zu verstehen, muss man nur aus dem Küchenfenster des Du Soleil blicken. Bis an den Horizont: Wald und Weiden. Kaum ein Haus ist zu sehen. Die jurassischen Freiberge an der Grenze zu Frankreich sind der leerste Landstrich der sonst dicht bevölkerten Schweiz. Hier liegt das 200-Seelen-Dorf Saint-Brais. Am Feierabend rauscht für kurze Zeit der Autoverkehr der Berufspendler mitten durch den Ort. Sie alle arbeiten außerhalb des Kantons: in Biel, La Chaux-de-Fonds oder Basel. Wenn der Verkehr abebbt, ist in Saint-Brais nur noch wenig los. Oberhalb des Orts dreht sich träg der Propeller einer mächtigen Windturbine. Im Winter fegt der Wind eisig durch das exponierte Dorf. Ja, vielleicht braucht man, um hier leben zu können, eine besonders starke Bindung an die karge Gegend. Ja, vielleicht muss man sie symbolisch aufladen. Aber muss man für sie sterben?