Wie nennt man den Zustand, ausgeladen zu werden, bevor man eingeladen war? Katholisch vielleicht. Ich bin gerade sehr katholisch. Fast hätte ich ein Podium beim größten deutschen Katholikentreffen moderiert, aber der Bischof von Regensburg hatte etwas dagegen, hört man. Zu "kirchenkritisch" kam ihm die Besetzung vor. Der Vorgang war mir bis vor wenigen Tagen neu, aber das Sortiermuster kenne ich. Ich leite seit fast drei Jahren die Redaktion von Christ & Welt in der ZEIT. Wir schreiben, was wir sehen und hören und wichtig finden. Dass dies aus der Sicht von Würdenträgern ein kritischer Zustand ist, war mir klar. Aber sollen sich Laien vorschreiben lassen, was sie zu hören, zu sehen und wichtig zu finden haben?

Joachim Frank, Journalist und Autor des Buches Wie kurieren wir die Kirche, schrieb am vergangenen Freitag die Geschichte rund um die Ausladung von der Noch-nicht-Einladung in der Berliner Zeitung und im Kölner Stadtanzeiger auf. Demnach gehört auch die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu den ungenehmen Diskutanten. Der Katholikentag findet in Regensburg statt, der Bischof Rudolf Voderholzer ist Gastgeber. Der andere Einladende ist das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), also der Zusammenschluss der Laien. Laut einer internen Mail empfehlen die unabhängigen Organisatoren nach dem Einspruch des Bischofs: "Bitte verzichten Sie auf Frau Leutheusser-Schnarrenberger in dieser Veranstaltung und setzen Sie an ihre Stelle jemanden, der die Pro-Religions-Position unterstützt … Die Rednerkommission empfiehlt darüber hinaus an Stelle von Frau Florin als Moderatorin Frau Schausten einzuplanen." – Die Katholikin Bettina Schausten ist Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios.

Der Bischof hat gehüstelt, die Laien fürchten um ihre Großveranstaltung. Die angeblich Unabhängigen geben den Bedenken eines Bischofs prompt nach. So jedenfalls deute ich diese Mail. Doch das ZdK dementiert. Es gab keine Zensur! Alles sei ein Missverständnis. Ein ganz normaler Abstimmungsprozess sei durch eine Indiskretion öffentlich geworden, es gebe weder ein bischöfliches Veto noch einknickende Laien. Radio Vatikan verbreitete das Dementi, ohne zuvor das Dementierte vermeldet zu haben. Regensburgs Generalvikar twitterte heftig, wie falsch die Nachricht über das Bischofsvotum sei.

Diese Katholikentag-Personalie wirkt wie eine Petitesse. Doch hier zeigt sich etwas Typisches: die Angst vor der Wirklichkeit bei den Mächtigen der Kirche. Und die Angst vor der Macht bei den Abhängigen der Kirche. Macht aber hat in der katholischen Welt immer derjenige, der die Wirklichkeit seinem Wunsch anzupassen vermag. Vor dem Katholikentag in Mannheim 2012 zum Beispiel ließ der Vorsitzende der Bischofskonferenz Robert Zollitsch das ZdK wissen: "In der schwierigen Situation der Kirche ist öffentlich jeder Eindruck zu vermeiden, dass man das Zeugnis von Laien und das Lehramt der Bischöfe gegeneinander ausspielen könnte." Hieß im Klartext: Bitte keinen Streit! Der Katholikentag war dann auch recht brav. Nur Gerhard Ludwig Müller, Voderholzers Vorgänger als Bischof von Regensburg, durchbrach den Austausch von Höflichkeiten. Er bezeichnete kirchliche Reformgruppen als "parasitäre Existenzen", wollte das aber hernach nicht so gesagt haben. Und weil öffentlich jeder Eindruck zu vermeiden ist, dass man Bischöfe gegeneinander ausspielen kann, widersprach ihm kein Amtsbruder vernehmlich. Ist das bemerkenswert? Kritikabel? Komisch? Nein, in der katholischen Welt sollen Journalisten – erst recht katholische – das alles bitte ganz normal finden.

Ich bin weder eine Kirchenkritikerin wie Uta Ranke-Heinemann noch eine rheinische Freiheitsstatue. Ich habe noch nie ein Podium auf einem Katholikentag geleitet und das bisher ohne Trauma überstanden. Es gibt kein Menschenrecht auf Moderation. Trotzdem ist die Ausladung ein Affront. Gerade weil sie so normal ist. Es ist normal, dass ein Bischof bestimmt, wer gut katholisch ist und wer nicht. Es ist normal, dass er damit drohen kann, die ganze Sache platzen zu lassen. Es ist normal, dass die Drohung funktioniert. Es ist normal, hinterher zu sagen, man habe nicht gedroht. Es ist auch normal, dass dies nicht als Widerspruch zur Wahrheit, sondern als Dienst an einer höheren Wahrheit empfunden wird.

Geh doch rüber zu den Protestanten, das höre ich oft. Aber ich gehöre der katholischen Kirche nicht wegen eines bestimmten Bischofs oder eines bestimmten Papstes an, die längste Zeit eher trotz eines bestimmten Bischofs oder eines bestimmten Papstes. Ich bin freiwillig da. Ihre Botschaft schärft die Sinne dafür, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Sie macht mir klar, wie selbstzufrieden ich oft bin. Sie hilft mir dabei, so zu leben, dass ein paar Leute vielleicht hinterher froh sind, dass es mich gab. Das alles geht auch ohne Kirche, aber mir geht es besser mit. Ja, ich kenne die menschliche Seite der Institution.

Aber ich kenne auch ihre Macht. Vor dreißig Jahren sangen wir in unserer katholischen Jugendgruppe aus einem kleinen roten Liederbuch Songs von André Heller oder der Rockgruppe BAP. 1984 wurde es nach bischöflichen Voten verboten wegen angeblich kommunistischer Texte. Die Verbotsmeldung schaffte es damals bis in die Tagesschau. Als die Bücher konfisziert wurden, hatten wir sie längst kopiert. Wir sangen die inkriminierten Lieder danach erst recht. Jesus war schließlich kein Opportunist. Und irgendwann würde das Verbieten aufhören, glaubten wir.

Doch es hörte nicht auf, es wurde nur subtiler. Warum sollte die Kirche überzeugen, wo sie auch einschüchtern kann? Nach dieser Devise agieren manche Bischöfe noch immer. Nicht nur geistliche Bauherren wie Franz-Peter Tebartz-van Elst, auch geistliche Dienstherren mit ergebener Entourage. Immer wieder bekomme ich Anrufe nach dem Muster: "Aber Sie sind doch katholisch, wie können Sie dann so etwas schreiben?" Noch beliebter sind Anrufer, die versuchen, uns Journalisten einzuschüchtern, indem sie von anderen Anrufern erzählen, die von anderen gehört hätten, dass unsere Meinung unerwünscht sei. Selten jedoch gibt es dafür einen schriftlichen Beweis.

Probleme machen in Telefonaten dieser Art übrigens nicht jene Artikel, in denen uns Journalisten Fehler passiert sind. Probleme machen Texte, die stimmen. Warum so viele Berichte über Limburg? Warum so viele zum sexuellen Missbrauch innerhalb der Kirche? Na, na, na, wenn das mal gut geht mit Ihrem Job! Irgendwann sind diese Anrufe nicht mehr nötig, dann schreibt man wie von selbst über etwas Harmloses.

Nein, nicht alle Bischöfe missbrauchen ihre Macht. Viele schätzen, zumindest in Hintergrundgesprächen, ein offenes Wort. Aber wer Angst vor der Welt hat, ist versucht, die Wirklichkeit aus der Kirche zu kehren. In Regensburg und in Augsburg durfte Hans Maier, der frühere bayerische Kultusminister und ZdK-Präsident, nicht in Räumen der Diözese aus seinen Memoiren lesen, weil er darin eine Auseinandersetzung mit Joseph Ratzinger um die Schwangerenkonfliktberatung schildert. Warum darf ein Katholik in seiner Kirche nicht abweichender Meinung sein?

Ich weiß nicht, ob ich recht habe, wenn ich in Artikeln und auf Podien für die Weihe von Frauen streite. Ich weiß nicht, ob Gott, Jesus oder wenigstens der Heilige Geist an meiner Seite sind. Aber ich möchte meine Meinung über meine Kirche auch in kirchlichen Räumen sagen dürfen. Nicht unwidersprochen, aber ungestraft.

Vor Kurzem hat Papst Franziskus eine Kirche der Freiheit gefordert. Es ist ein Beben zu spüren in der katholischen Kirche. Dieses Beben kommt von innen, ausgelöst von Menschen, die jahrelang stillhielten. Jetzt tun sie es nicht mehr. Ein Mitarbeiter der Kirche hat die interne E-Mail des ZdK an mich weitergeleitet.