Bei der Klimapolitik kommt es immer darauf an, ob man sie von der Gegenwart her denkt oder von der Zukunft. Hannelore Kraft zum Beispiel, die Vertreterin des Mutti-Prinzips in Nordrhein-Westfalen, denkt sie vom Jetzt aus. Ihr geht es mit der Energiewende zu schnell voran, sie fürchtet, dass Industriearbeitsplätze – insbesondere solche an Rhein und Ruhr – verloren gehen könnten. Dabei muss sie das gar nicht fürchten, denn es ist ganz gewiss: Bei einem Umbau dieser Größenordung gehen garantiert Arbeitsplätze verloren, dafür werden andere geschaffen. Krafts Warnung vor der Eile bedeutet offenbar: Die Energiewende darf schon sein, nur spüren soll man sie möglichst nicht. Schön langsam, bitte.

Denkt man die Energiewende von morgen her, so sieht es mit dem Tempo gleich ganz anders aus. Wenn sich die Erde bis 2100 nicht allzu sehr erwärmen soll, wenn man vermeiden will, dass es Abermillionen Klimaflüchtlinge gibt und dass die Natur in Europa unter einen brutalen und zerstörerischen Veränderungsstress gesetzt wird, dann müsste die Energiewende ab sofort noch viel schneller gehen. Sagen wir, doppelt so schnell.

Es gilt, daran kann auch Hannelore Kraft nichts ändern, das Grundprinzip ökologischer Politik: Je mehr Zeit man sich heute lässt, desto weniger hat man morgen. Wir verschieben die Eile gewissermaßen nur in die Zukunft.

Energiepolitik wird vor allem von Geologie und Geografie gemacht

Operativ wird es wenig bewirken, wenn die nordrhein-westfälische SPD nun versucht, die Interessen des Braunkohletagebaus und einiger Energiekonzerne zu verteidigen. Zwar leitet Hannelore Kraft die Arbeitsgruppe Energie bei den Koalitionsverhandlungen, doch das lässt sie mächtiger erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist. Nicht nur weil es da ja auch noch die Union auf der anderen Seite des Verhandlungstisches gibt, sondern weil sie nicht einmal die gesamte SPD vertritt. Denn, so hat es die Natur nun mal eingerichtet, Niedersachsen ist windig und profitiert daher von der Windenergie, weswegen Stephan Weil, der sozialdemokratische Ministerpräsident dieses flachen Flächenlandes, schon aufpassen wird, dass es Frau Kraft nicht zu dolle treibt.

Das eben gehört zu den Besonderheiten der Energiepolitik: Sie wird weniger von SPD und CDU gemacht als von Geologie und Geografie. Die Südländer Baden-Württemberg und Bayern beispielsweise sind weder flach, noch haben sie Kohle, ergo ist ihr gemeinsames schwarz-grün-rotes Interesse: Solar.

Gefahren für die Energiewende gehen darum weniger von den operativen Details in den Berliner Koalitionsverhandlungen aus, sie sind eher politisch-mentaler Art. Mit dem Subtext ihrer Warnung vor zu viel Eile steht Hannelore Kraft nämlich nicht allein da. Längst schon ist die Energiewende zu etwas geworden, was die Politik und die Konzerne gefälligst endlich hinbekommen sollen, ohne dass die Bürgerinnen und Bürger davon allzu sehr gestört werden. Sei es durch höhere Strompreise, durch neue Trassen, durch all die Solardächer, die neuerdings so unromantisch auf den Scheunen kleben, oder die berüchtigten Windräder, die plötzlich überall in der Landschaft stehen.

Als die Energiewende vor zweieinhalb Jahren in einem faktischen Allparteienkonsens beschlossen wurde, da gab es für den Moment so ein ökologisches Wirtschaftswundergefühl, man dachte, alle zusammen schaffen wir das; wer ein Land wieder aufbauen kann, der kann es auch wieder umbauen. Dieser Geist ist ein wenig verloren gegangen, stattdessen heißt es: bloß keine Eile, bloß keinen Ärger.