Das Atlantic Hotel in Bremerhaven erinnert an die Wolkenkratzer in Dubai. Wie ein gigantisches Segel ragt es am Stadtrand empor – nur dass sich unten nicht Traumstrände erstrecken, sondern das trübe Wasser der Weser vorbeifließt. Hier werden am kommenden Mittwoch zwei Dutzend Steuerfachleute aus ganz Deutschland ihre Laptops aufklappen. Sie werden Datenkolonnen analysieren, Formeln vergleichen und am Ende die Steuereinnahmen für die kommenden Jahre abschätzen. Und damit den Spielraum der nächsten Bundesregierung.

Eines ist schon absehbar: Dem nächsten Finanzminister wird so viel Geld in die Kasse strömen wie keinem seiner Vorgänger. Das Steueraufkommen wird sogar noch über den Schätzungen vom Frühjahr liegen. Insgesamt kann der Staat in den kommenden fünf Jahren bis zu 80 Milliarden Euro mehr ausgeben, ohne neue Schulden machen zu müssen. Mit diesen Überschüssen wollte die CDU bis vor Kurzem Schulden tilgen. Inzwischen will auch sie das Geld lieber ausgeben. Die Sozialdemokraten wollen das schon lange.

Es geht erst um das Geld und dann irgendwann um die Konzepte

Das viele Geld im Staatshaushalt ist eine gewaltige Chance für das Land – aber es birgt auch die Gefahr, dass die verantwortlichen Politiker sie ungenutzt verstreichen lassen. Denn entscheidend ist ja nicht, wie viel Geld eine Regierung ausgibt, sondern wofür sie es ausgibt. Ob sie einen Plan hat. Oder ob sie vor allem Probleme verschleppt und bloß wichtige Wählergruppen ruhigstellt.

Wie die künftige Regierung tickt, zeigt sich in diesen Tagen, in denen Union und SPD zu ersten Verhandlungen zusammentreffen, beispielsweise bei der Pflege: Schon bevor eine einzige konkrete Idee besprochen wurde, steht fest, dass der Versicherungsbeitrag um 0,5 Prozentpunkte steigen soll. Dabei hängt gerade die Zukunft der Pflege stark davon ab, wie sie organisiert ist. Arbeitgeber müssen mehr Freiräume für pflegende Mitarbeiter schaffen, Kommunen müssen Wohnungen so modernisieren, dass alte Menschen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können. Doch in Berlin redet davon keiner. Da geht es erst um das Geld und irgendwann um die Konzepte.

Erfolgreiche Politiker gehen genau andersherum vor. "Strategisch", schreibt Philippe Aghion, Wirtschaftsprofessor an der Harvard-Universität und einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet. Aghion hat sich lange damit beschäftigt, was Länder modern und reich macht. Regierungen, so weiß der Ökonom, haben daran einen entscheidenden Anteil. Sind sie gut, identifizieren sie die strategischen Aufgaben, die der Staat übernehmen muss. Sie denken intensiv darüber nach, wie man die besser organisieren kann. Wo man sparen sollte. Und wo das Geld besonders gut angelegt ist, um für künftige Prosperität zu sorgen.

So weit die Theorie. In der Berliner Praxis reichen die prognostizierten Überschüsse schon jetzt nicht für alle Wünsche. Das zeigte sich, als sich die Haushaltsexperten der Parteien am Montag dieser Woche in einem kleinen Besprechungsraum in der vierten Etage des Bundesfinanzministeriums trafen. Von halb sechs bis acht Uhr tagte unter der Leitung von Finanzminister Wolfgang Schäuble und dem Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz erstmals die Arbeitsgruppe Finanzen von SPD und CDU/CSU. Alle Seiten präsentierten gleich zu Beginn ihre Lieblingsprojekte. Danach war klar: Die Liste ist lang. Und teuer.

Die Union will vor allem die Erhöhung von Mütterrenten durchsetzen. "Das ist bei uns genauso wenig verhandelbar wie der gesetzliche Mindestlohn für die SPD", sagt ein CDU-Minister. Dabei geht es bei diesem Lieblingswunsch der Union wenig um Investitionen in die Zukunft und viel um die Korrektur vergangener Gesetze – die Union will ein Rentengesetz der neunziger Jahre revidieren, das ältere Mütter bei der Altersversorgung schlechterstellt als jüngere. Und sie will damit eine Gruppe belohnen, die sie überproportional oft wählt. Schon fürchten Experten wie der Rentenfachmann Bert Rürup, dass für das eigentliche Problem, die drohende Altersarmut von Geringverdienern und Langzeitarbeitslosen, kein Geld übrig bleibt. Denn die Mütterrenten sollen kurzfristig sechs bis sieben Milliarden Euro pro Jahr kosten – mittelfristig sogar das Doppelte.

Auch den Sozialdemokraten geht es vor allem um ihre Klientel. Sie fordern, dass die Renten in Ostdeutschland auf Westniveau angehoben werden, was etwa vier Milliarden Euro kosten würde. Und sie wollen, dass künftig alle Beschäftigten mit 45 Versicherungsjahren schon mit 63 in Rente gehen können. "Das würde für etwa 30 Prozent eines Jahrgangs gelten und praktisch die Rückabwicklung der Rente ab 67 bedeuten", sagt Rürup. Es würde also den Staat sehr viel Geld kosten.

Marcel Fratzscher hat schon vor der Bundestagswahl laut über die Kunst des richtigen Geldausgebens nachgedacht. Als in Berlin noch alle über das Sparen diskutierten, redete der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bereits vom richtigen Investieren. Mit einer große Studie wies er darauf hin, dass es sinnvoll sein kann, wenn die Bundesregierung mehr Geld ausgibt, auch wenn die Schulden dann weniger schnell zurückgezahlt werden können.