Kunst ist in Berlin ein weites Feld. Bei Wiensowski & Harbord führte man eine Performance der 1985 verstorbenen Minimalistin Charlotte Posenenske wieder auf, bei der ein Triptychon aus Metallstäben mit gelenkigen Ecken an einer mit Nägeln versehenen Wand in wechselnde geometrische Figuren gehängt und gefaltet wurde. Während sich das Werk spinnengleich seitwärts bewegte, vertiefte sich die andächtige Stille, die schon den Einführungsvortrag des Witwers und Nachlassverwalters der Künstlerin begleitet hatte. "Minimalismus ist gerade ein Bedürfnis", sagte ein Galerist am Getränkestand in dem um Nuancen lebhafteren Garten. "Für mich ist das eine Fülle, die Reduktion. Berlin leidet an inflationärer Belanglosigkeit. Aber hier spürt man eine Energie, die den Raum füllt."

Dem Idealismus der Veranstaltung entsprechend, musste für die Getränke niemand zahlen. Vereinzelte verwitterte Gestalten, für die dieses Detail der Hauptmagnet gewesen war, traf man später auch in Neukölln. Ihre bärtigen Gesichter fielen in dieser Hipsterhochburg weniger auf. Fern aller minimalistischen Etikette stand in der Team-Titanic-Galerie die Bar mitten im Raum. "Wir finanzieren uns über Bierverkauf", sagte Slawjana Ulrich, die Galeristin, "weil wir mit der Kunst kaum Geld machen."

Entsprechend unbekümmert ging man mit den Exponaten um. Ein Plastikobjekt, einer Wasserlache täuschend ähnlich, lag mitten im Raum. "Unser Jaguarfell", sagte Slawjana und wies auf den Umriss einer Jagdtrophäe hin, "sehr pflegeleicht, man muss es nur abwischen, und wenn man es unter die Heizung schiebt, denken alle, sie sei ausgelaufen." Ein schnurrbärtiger Jüngling hatte den Gipsabdruck seines Kopfes auf ein Podest gestellt und ließ sich daneben fotografieren. Auf einem Split-Screen-Video sah man Höhepunkte lasziver Favoritinnenakte und daneben eine Schöne aus dem Rotlichtmilieu, die die Posen imitierte. Vor dem Fenster war ein Campingstuhl an die Heizung gekettet. "Das erinnert mich an Antalya", sagte Slawjana, "wo die deutschen Touristen ihre Strandausrüstung anschließen." Ein ellenlanger Besucher trug unter dem Jackett statt gestärkter Hemdbrust eine weiße Pappe im Passepartout spazieren. Aus seiner Uhrtasche baumelte ein Kohlestift, der dazu einlud, am "Bild des Tages" mitzuwirken. Dichter Rauch drang aus einer von Luftblasenfolie verhängten Türöffnung. Er kam aus einem kokelnden Karton, in dem das noch unausgepackte Werk eines anwesenden Künstlers ruhen sollte. Dieselbe Folie, die hier als Vorhang diente, hatte schon in Charlotte Posenenskes Arbeiten eine Hauptrolle gespielt. Es gab ästhetisch also Affinität und Kontinuitäten.

Auch in Neukölln war Energie zu spüren, die Galeristin versicherte sogar, dass an der nächsten Ecke jüngst ein Frau umgebracht worden sei: "Da traut sich das Prenzlauer Bergvolk nicht her." Irgendwie taten ihre schnodderigen Kommentare mehr für die Kunst als der Vortrag des Nachlassverwalters. Der Raum mit dem Schriftzug "Team Titanic" über der Tür bot einfach ein neues Passepartout für Ideen, die die Avantgarde seit hundert Jahren bewegen. "Erst war hier ein Reisebüro und dann ein Puff. Wir haben den Namen behalten und uns die Leuchtreklame gespart." Untergang geht immer, und besonders bei dem jungen, internationalen Publikum, das der museale Weihrauchdampf aus dem Pappkarton längst auf die Straße getrieben hatte. Ganz Berlin ist eine Performance für dieses fröhliche Titanic-Team. Charlotte Posenenske, die ihre Kunst, von der gesellschaftlichen Resonanz enttäuscht, nach nur einem Jahr aufgab, hätte darüber frohlocken können.