Es braucht eine zweite Gotthardröhre. Und das sage ich nicht nur, weil ich Tessiner bin. Die Gelegenheit dazu bietet sich uns anlässlich der Totalsanierung des Tunnels, die nach 40 Jahren fällig wird. Unvorstellbar, dass man überhaupt in Erwägung zieht, den Tunnel in dieser Zeit einfach zu sperren – für Jahre, nicht etwa nur für einige Monate! Das Tessin wäre vom Rest der Schweiz abgeschnitten. Die wirtschaftlichen Schäden und die Einschränkungen unserer Mobilität wären unvorstellbar groß.

Die Haltung derjenigen, welche die Schließung des Gotthards dem Bau eines Sanierungstunnels vorziehen – darunter sind leider Gottes auch ein paar Tessiner –, erinnern mich an die Ludditen, die anfangs des 19. Jahrhunderts die neuen Textilmaschinen zerstörten, um die Hausarbeit der Frauen zu verteidigen.

Die Lösung des Bundesrates lautet: Zuerst eine zweite Röhre bauen, anschließend Unterhalts- und Modernisierungsarbeiten an der ersten Röhre durchführen und schließlich beide Röhren benützen. Jede in nur eine Fahrtrichtung, was übrigens den Verkehr weniger unfallreich macht. Das ist sehr vernünftig und respektiert die Bundesverfassung.

Doch wenn von großen Werken der öffentlichen Hand die Rede ist, vergisst man in der Schweiz oft den Blick in die Zukunft. Das schockiert mich immer wieder. Dieser würde uns im Fall des Gotthards zeigen: Mit der Genauigkeit, die uns Schweizer charakterisiert, mit unserem demokratischen Modell und mit der Übervorsicht unserer Bürokratie würden der Bau des Sanierungstunnels und die anschließenden Reparaturen im besten Fall 20 Jahre dauern.

Was aber geschieht bis ins Jahr 2033? Sicher ist, dass sich der Verkehr bis dahin vervielfachen wird. Denn die Mobilität ist eine Freiheit, auf die die Schweizer nicht verzichten werden. Wie also will man das Problem der Staus und ihrer enormen wirtschaftlichen Kosten und Immissionen in den Griff bekommen? Sicher nicht, indem man Autobahnen oder Tunnelröhren schließt.

Eine gute Lösungen liegt für mich im Mobility Pricing, wie dies kürzlich auch der Thinktank Avenir Suisse empfohlen hat. Jeder muss wissen, was seine Mobilität die Allgemeinheit kostet, und seinen Teil dieser Kosten tragen. Denn wer sich selbst Rechenschaft darüber ablegt, wie hoch der Preis seines mobilen Lebens ist, der wird die Straßen auf eine intelligentere und kostenbewusstere Art nutzen als er es heute tut. Die Mentalität, dass der Staat alles gratis zur Verfügung stellt, ist nicht länger tragbar.

Wir sollten gleichzeitig aber auch an die technischen Fortschritte denken, die uns im nächsten Vierteljahrhundert erwarten dürften: Hybridautos, Elektrofahrzeuge oder neue Formen von Benzin, die auch den Schadstoffausstoß begrenzen werden. Prototypen für automatische Wagen, die keinen Menschen mehr als Fahrer brauchen, existieren bereits. Mit erfreulichen Konsequenzen: Es gibt weniger Unfälle, weniger Staus – dank neuer Sensoren können die Autos praktisch Stoßstange an Stoßstange über die Autobahn gleiten.

Die vielen offenen Fragen zur Mobilität der Zukunft zwingen uns zu einer vorurteilslosen Diskussion. Die Frage der Preispolitik der Bahnen muss ebenso diskutiert werden, wie wir ideologische Vorurteile gegenüber den verschiedenen Verkehrsträgern ablegen müssen.

Zu jedem Fortschritt gehören Nebenerscheinungen – manchmal auch negative. Aber dank unserer Intelligenz ist es uns in der Vergangenheit immer wieder gelungen, Probleme zu lösen – auch dank unserer Anpassungsfähigkeit. Und so gilt: Für große Werke, die die Zukunft bestimmen, gibt es nichts Schlimmeres als eine Gesellschaft, die immer nur an die Vergangenheit denkt.