Eine Messe für Gegenwartskunst strengt immer auch an. Mindestens achtzig Prozent der Exponate sind erfahrungsgemäß: Schrott. Langweilige, hässliche, überteuerte Objekte, die erst in den folgenden Jahrzehnten ausgesiebt werden: Kaum ein Museum will sie haben, bei den Privatsammlern setzen sie Staub an und werden – da unansehnlich und irgendwann gänzlich unverkäuflich – schließlich von den Erben entsorgt. Sich durch solchen Ballast nicht von der guten Kunst ablenken zu lassen erfordert erhöhte Konzentration.

Umso erfreulicher, eine Kunstmesse wie die 40. Foire Internationale d’Art Contemporain (Fiac) in Paris zu besuchen. Obwohl selbstverständlich auch hier Enttäuschendes gezeigt wurde – die Leinwand des gehypten Oscar Murillo etwa oder die immer gleichen Abstraktionen von Pierre Soulages –, war es doch eine der schöneren Verkaufsausstellungen in letzter Zeit. Das hängt mit dem Standort zusammen, dem Grand Palais und seinem beeindruckenden Glaskuppeldach, unter dem Kunst automatisch eleganter aussieht als in einem Messezelt, und selbstverständlich auch mit dem Habitus von Paris, zu dem nicht nur der Sinn für Eleganz, sondern auch das Flanieren gehört – im Gegensatz etwa zum Hetzen in New York oder London. Die Freude wurde aber auch dadurch gesteigert, dass man hier einen Künstler entdecken konnte.

Zufällig befanden sich die Stände der Galerien Esther Schipper aus Berlin, Franco Noero aus Turin und Sadie Coles HQ aus London direkt nebeneinander, nicht ganz zufällig zeigten alle drei Arbeiten des 1970 in Mexiko geborenen und heute in Mexiko-Stadt und Brüssel lebenden Gabriel Kuri (er wird derzeit auch mit einer Ausstellung im Kunstzentrum des Parc Saint Léger in der Bourgogne geehrt). Bei Esther Schipper lag von ihm ein sonderbares, medizinballgroßes Ding auf dem Boden: zwei halbrunde Betonformen, verdreht aufeinandergelegt, dazwischen lugten schwarze, kurze Plastikborsten hervor. Looping s concrete sandwich July 2013 lautet der Titel, 15.000 Euro der Preis für das Unikat, das sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wie kam es zu diesem Sandwich? Was machen die Borsten da?

Sadie Coles hatte nebenan ihren Stand gleich komplett mit Kunst von Kuri ausgestattet, neben einem weiteren Beton-Sandwich und Collagen zeigte sie drei große Lichtkästen (Preis: jeweils 30.000 Euro), hinter deren mattem Glas der Künstler Einkaufstüten, Notizblockseiten und bunte Aktenordnereinlagen zu schön anzusehenden Farbfeldbildern arrangiert hat. Viel Mühe hatte sich auch Franco Noero gegenüber mit seiner Kuri-Installation gemacht, zumindest was den Transport anging: Das Werk mit dem so minimalistischen wie passenden Titel .)(. besteht aus einem vom Gebrauch gezeichneten Bauschuttcontainer, der durch einen in seinem Inneren ruhenden Felsen in der Schräge gehalten wird. Der Container korrespondiert in einer ganz eigenen Symmetrie einer im Vergleich recht dünnen, elegant nach oben gebogenen Stahlplatte, die ebenfalls von einem Felsen gehalten wird. Es ist ein humorvoller Post-Minimalismus, den Kuri pflegt, in dem die Ästhetik von Alltagsgegenständen wie Mülleimern, Plastikflaschen oder Kassenbons auf die Eleganz simpler Abstraktionen aus Beton, Stahl oder Glas trifft. Seine Objekte sind dabei nie reiner Formalismus, sie kritisieren zuweilen subtil die herrschenden Zustände, zünden Geschichten im Kopf des Betrachters oder bringen diesen wenigstens zum Lachen.

Am meisten wurde auf der Fiac jedoch nicht über Kuri, sondern über zwei andere Künstler geredet, die ebenfalls von der Berliner Galeristin Esther Schipper vertreten werden: Pierre Huyghe und Philippe Parreno eröffneten fast zeitgleich zum Beginn der Fiac große Retrospektiven ihres Werks – Parreno im Palais de Tokyo (noch bis zum 12. Januar) und Huyghe im Centre Pompidou (noch bis zum 6. Januar). Man wird die Ausstellungen nicht so schnell vergessen, sind doch beide Künstler Großmeister im Inszenieren von Atmosphären und Stimmungen. Wofür sie auch großen technischen Aufwand betreiben: Pierre Huyghe ließ etwa im Centre Pompidou eine Eiskunstlaufbahn aufbauen, dazu Schnee-, Nebel- und Regenmaschinen installieren und große Farbpulverhaufen errichten. Es werden seine surrealen, stets mehrfach verrätselten Filme gezeigt, der bereits von der Documenta bekannte weiße Hund mit dem pink gefärbten Vorderbein läuft, ein erstaunlicher Verfremdungseffekt, durch die Ausstellung, und man hört ein Klavier spielen.

Philippe Parreno mag ebenfalls Klaviermusik, doch treibt er es im Palais de Tokyo noch viel bombastischer: Er darf das viele Tausend Quadratmeter große Haus ganz allein bespielen, hat es nach seinen Vorstellungen sogar umgestaltet. Die Ausstellungschoreografie folgt der Musik von Igor Strawinskys Petruschka, jenem Ballettstück, in dem Puppen durch den Klang der Musik zu Menschen werden. Strawinskys Musik wird in der Ausstellung nun ausgerechnet von computergesteuerten Klavieren und Flügeln gespielt, dazu flackern alle Lichter im Takt. Parrenos digital perfekt bearbeitete, stets mit dem Horror der kalten Moderne kokettierende Filme werden auf gigantischen, noch nie gesehenen Leuchtschirmen oder aber auf gleich siebzehn Leinwänden parallel gezeigt, dazu gibt es Schreibroboter, die endlos die Zeichnungen des Künstlers kopieren, oder unter einer Bühne versteckte Lautsprecher, die einen Tanz der Geister heraufbeschwören. Sowohl Huyghes als auch Parrenos Kunst – sie haben in der Vergangenheit oft zusammengearbeitet – ist wirkungsvoll, sie raubt einem wortwörtlich den Atem. Was sie nicht davor feit, zuweilen ins Kitschige zu kippen; Parrenos überwältigende Feier des Automatischen und der Menschmaschine mutet manchmal sogar faschistoid an.

Solch Budenzauber lässt sich auf einer Kunstmesse selbstverständlich nicht veranstalten, selbst im Grand Palais nicht. Und dennoch wurden auch hier Werke dieser beiden Künstler verkauft – Esther Schipper hatte von Pierre Huyghe etwa Singing in the Rain im Angebot, eine kleine Bühne mit dazugehörigen goldenen High Heels. Es ist die Hardware für eine Performance, die jedes Jahr am Todestag Gene Kellys aufgeführt werden darf. Ein identisches Exemplar der Bühne ist auch im Centre Pompidou ausgestellt, so wie man am Fiac-Stand der Galerie Air de Paris Siebdruckarbeiten Parrenos kaufen konnte, die im Palais de Tokyo zu sehen waren. Aber auch viele der ausschließlich in den beiden Museen ausgestellten Objekte konnte man kaufen, man musste nur höflich bei den jeweiligen Galeristen anfragen. Kaum ein Museumsdirektor möchte seine Hallen als Kunsthandlung verstanden wissen. Und dennoch sind Museumsausstellung oft die schönsten Schaufenster für die Waren der Galeristen.