Der Kunstfaserpelz, kokett auf einer Schulter hängend, gibt schwarze Strapse und Bikini frei. Die blonden, kurzen Haare sind streng zurückgestrichen. Und unter der Nase: ein fein gezwirbelter Dali-Schnurrbart. Das Outfit, mit dem Lady Gaga sich am vergangenen Donnerstagabend in einer Nebenhalle des Berliner Berghain einer ausgewählten Zahl von Fans und Pressevertretern präsentierte, bewies Gespür für die Location: Mit der Synthese aus Drag-King, Domina und preußischem Junker gelang der jungen Dame eine ebenso elegante wie selbstironische Verneigung vor der Heimat aller queeren Clubber.

Sie habe schon großartige Abende im Berghain verbracht, erzählt sie später, als sie sich den Fragen ihrer Fans stellt; zehn von ihnen durften auf ein Podest klettern und das Wort an sie richten. "Monsters" nennt Lady Gaga ihre Fans, kein Superstar ist so eng mit seinen Anhängern wie sie. Sei, wie du bist, ob queer, ob straight, liebt euch selbst und die anderen, und seid nett zueinander, so lautet die Botschaft der großen Pädagogin Lady Gaga. Jeder soll sich aufgehoben fühlen an ihrer Push-up-Brust. An diesem Abend spielt sie ihr neues Album vor, wirft sich, flankiert von ihren Bodyguards, in die Menge, wo junge Menschen mit Fantasiekostümen haltlos kreischen, sie lässt sich filmen, während sie ihre Fans filmt, und natürlich wird all das dann wieder im Netz übertragen. Eine neue Musikstreaming-Plattform der deutschen Sender ProSieben und Sat.1 will ihren Anteil vom Ruhm.

15 Minuten davon hatte Andy Warhol bekanntermaßen jedem Menschen versprochen. Er soll es auch gewesen sein, der Lady Gaga den entscheidenden Kick für ihre künstlerische Strategie gegeben hat: Sie wollte schon nach Los Angeles fahren und sich die Nase verkleinern lassen, um endlich den Aufstieg zu schaffen, als sie auf Warhols Strategie der glamourösen Selbstinszenierung stieß, der glitzernden Künstlichkeit, der Kunstwerdung des Alltags. Sie behielt ihre italienische Nase und inszenierte sich mit neuem Selbstbewusstsein als Star, bevor sie einer war, machte sich mit extravaganten Outfits zur Avantgarde-Ikone – und der Aufstieg war kometenhaft. Die ersten beiden Alben Fame und Born This Way von 2009 und 2011 machten sie zur bestverdienenden Entertainerin unter dreißig. Sie arbeitete so hart wie Madonna, hatte die noch größere Klappe, und ihre Identitätsspiele wirkten mutiger und subversiver.

Doch im Februar des vergangenen Jahres musste sie wegen einer Hüftverletzung ihre Tour abbrechen, es folgten Fotos der Gaga im goldenen Rollstuhl und dann sogar eine Twitter-Pause – dabei gilt sie als der erste Megastar des Netzzeitalters, 40 Millionen Menschen wollen ihre Kurznachrichten lesen. Heute ist die Königin der Sozialen Netzwerke auf Platz drei der Twitter-Charts abgerutscht, überholt von Justin Bieber und Katy Perry, welche Schmach.

Doch vielleicht wäre auch ohne eine kaputte Hüfte irgendwann die Erschöpfung in das System Gaga eingebrochen. Wo Madonna noch für jede Platte eine neue Persona erfand, probierte Lady Gaga die spektakulären Outfits quasi im Sekundentakt durch: Was kann noch kommen nach Wischmopp-Kleid, glitzernden Pferdefuß-High-Heels und transparentem Nonnen-Dress, nach Fleischkleid, Telefonhut und Riesenblume?

So hat Lady Gaga jetzt, mit gerade mal 27 Jahren, schon ihr erstes Comeback vor der Brust, und es gestaltet sich gar nicht so einfach. Die erste Single Applause des neuen Albums, das am 8. November erscheint, schaffte es im August schon mal nicht auf Platz eins der amerikanischen Single-Charts. So soll also die Kunst helfen, die Gaga-Welt zu revitalisieren. Bob Wilson, Marina Abramović und Jeff Koons sind die neuen Helden der Sängerin, und sie scheint zu ihnen aufzuschauen wie eine Kunststudentin im ersten Semester. "Vor fünf Jahren war ich noch Kellnerin, und heute hören Menschen wie Wilson, Abramović und Koons meine Ideen an, stellt euch das mal vor!", erzählt sie im Berghain beseelt ihren Fans.