Die Frage: Katharina und Michael studieren, sie haben sich im Partykeller des Studentenheims kennengelernt. Katharina kann bezaubernd sein, aber sie hat auch andere Seiten. Sie wird dann aus heiterem Himmel aggressiv, beschimpft ihren Freund, er wolle sie nur ausnützen, habe es allein darauf abgesehen, sie ins Bett zu zerren und nachher abzuhauen. Die ersten beiden Male schüttelte Michael nur den Kopf und wollte gehen. Katharina hielt ihn dann zurück, behauptete, es sei alles nicht so gemeint gewesen. Jetzt ist sie körperlich auf ihn losgegangen und hat ihm die Brust zerkratzt. Michael will Schluss machen; Katharina ist wieder ganz sanft und zärtlich. Er müsse verstehen, sie sei von ihrem Stiefvater missbraucht worden und leide an einer posttraumatischen Borderline-Störung.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wer einen Liebespartner gewinnen will, darf nicht mit Etiketten arbeiten. Katharina muss sich hüten, aus ihrer Traumatisierung Ansprüche an die Männerwelt schlechthin abzuleiten. Der Täter ist ihr etwas schuldig, Michael nicht. Michael sollte Katharina konsequent klarmachen, dass er sich eine Freundin wünscht und keine Patientin. Psychologische Diagnosen gehören in eine professionelle Arbeit und sind überall sonst fehl am Platz. Sie können der Vielfalt unseres Beziehungslebens niemals gerecht werden. Dort bleiben sie ein Notbehelf, zu dem mir eine Anekdote aus den USA einfällt: Vor Eröffnung der Jagdsaison malen Farmer ihren Rindern in weißen Buchstaben COW auf den Bauch. Das soll helfen gegen Jäger, die nichts von der Natur verstehen.