Im Zweifelsfall soll ein Spazierstock helfen. Wenn die Tiere mir ungemütlich nahe kommen, mit mir kuscheln wollen, mir am Bein entlangstreichen oder ihren Kopf nach Kätzchenart an mir reiben möchten, dann soll ich Distanz schaffen und, einen Meter vor mir, den Stock aufstellen. Das bedeutet: Bitte Abstand halten! Ich bin mir zwar nicht sicher, ob Löwen im Zweifelsfall zu so zarter Rücksichtnahme bereit sind. Aber Nico hat gesagt: So funktioniert es. Und weil Nico Ranger ist, muss ich ihm glauben.

Ich habe den "Spaziergang mit Löwen" vor mir, den das südafrikanische Privatreservat Botlierskop anbietet. Was mich treibt, ist die gekränkte Eitelkeit eines Suchenden, der niemals findet. Panthera leo hat sich mir auf allen meinen Afrikareisen – und das waren nicht wenige – noch nie von Angesicht zu Angesicht gezeigt. Ich sah Löwen meist, wenn es schon Nacht wurde: als dunkle Schatten am Wasserloch, als springende Schemen, die unweigerlich den Todesseufzer ihres Opfers ankündigen. Oder ich sah sie aus der Ferne, irgendwo im Gras, nichts weiter als ein gelber Fleck in gelber Savanne. Einmal kam ich einer Löwin mit ihren Jungen gefährlich nahe. Die Mutter fauchte laut, blieb aber unsichtbar hinter einem Baumstamm und lief dann geduckt durch das Gras davon.

Nachdem ich den "Spaziergang" gebucht hatte, fiel mir gleich ein afrikanisches Sprichwort wieder ein: "Solange Löwen keine Geschichtenerzähler haben, werden die Geschichten von der Jagd ausschließlich vom Jäger erzählt." Und die Geschichten vom Spaziergang, dachte ich mir, ausschließlich von der Spaziergängerin. Womöglich hing ich einem naiven Traum an: der Bestie einmal ganz nahe zu sein, sie wie einen starken, aber braven Gefährten an meiner Seite zu spüren. Schließlich handeln viele Erzählungen und Märchen genau davon – vom wilden Tier als treuem Freund.

Kein Platz in Afrika passt besser zu diesem Traum als die südafrikanische Garden Route, jene Strecke im Süden des Landes, die nahe an der Küste des Indischen Ozeans verläuft. Mit ihren Weinfarmen, Pensionen, Boutiquen und ihrem fast schon europäischen Flair entspricht sie in gewisser Weise der Idee des gezähmten Biests, und Botlierskop liegt mittendrin. Es ist ein kalter Nachmittag, als mich Nico zu den Löwen fährt. Drei weibliche Tiere und ein männliches sind regelmäßig mit Touristen unterwegs, jeweils zwei pro Tour und in der Hochsaison zwei Mal am Tag. Es sind junge Löwen, zwischen einem und zwei Jahren alt, aber durchaus ausgewachsen und auch schon zwischen 130 und 180 Kilo schwer. Mit drei Jahren werden die Tiere zu dominant für den Spaziergang, sagt Nico. Dann entlässt man sie in die begrenzte Freiheit eines 100 Hektar großen Geheges von Botlierskop.

Bevor ich Kisha und Makiwa treffe, die beiden Löwinnen meiner Tour, muss ich meinen Rucksack abgeben. Die Tiere könnten Fleisch darin vermuten. Zu den zwei Löwen gehören vier Hüter, die alle einen Stock tragen und außerdem einen Sack voll Fleisch. Das werden sie im Laufe des Spaziergangs auf die Stöcke spießen und den Raubkatzen hinhalten. Für die dürfte das Fleisch die wesentliche Motivation zum Gang durchs Gelände sein. Drei weitere Touristen sind dabei, als wir loslaufen, mit den Löwen an unserer Seite wie riesenhafte Hunde.