4. November 1813

Ich bin ein Freund Heckers. Und ich bin stolz, das hier aussprechen zu können." Tumult in Frankfurts Paulskirche. Von rechts und links erstürmen Abgeordnete der ersten deutschen Nationalversammlung am 7. August 1848 die Rednertribüne. Die Damen auf der Galerie jubeln Lorenz Brentano zu, jenem badischen Abgeordneten, der gerade die Amnestie für den geflohenen Revolutionshelden Friedrich Hecker gefordert hat.

Dreißig Jahre später: Eine andere Stadt, eine andere Welt – und wieder steht Brentano vor einem großen Parlament. Im US-Kongress spricht er, vor dem Repräsentantenhaus im Kapitol von Washington. Republikanischer Abgeordneter aus Chicago ist er jetzt, sein Englisch hat den badischen Klang bewahrt. Auch hier geht es immer wieder hoch her, wie einst in Frankfurt am Main.

Doch politischer Tumult hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Vielleicht liegt es ein bisschen in der Familie: Bettine Brentano ist seine Cousine, Clemens sein Cousin – Feuerköpfe auch sie. In Mannheim ist er geboren, am 4. November 1813, und aufgewachsen. Schon während des Jurastudiums in Heidelberg und Freiburg schließt sich der junge Lorenz den verbotenen Burschenschaften an. Und mit seiner Burschenschaft soll er im Mai 1832 auch hochgestiegen sein zum Hambacher Schloss in der Pfalz, zum großen europäischen Freiheitsfest.

Nach dem Studium lässt er sich in Mannheim nieder, als Rechtsanwalt. Er heiratet die gleichaltrige Caroline Leutz, gleichfalls eine Tochter aus begütertem Bürgerhaus. Rasch macht er Karriere im badischen Justizdienst. 1845 wird er Obergerichtsadvokat in Bruchsal und Rastatt. Daneben arbeitet er in Mannheim, in der Herzkammer der demokratischen Gegenmacht: Von hier aus führt er die badischen Volksvereine. In jeder badischen Stadt und in fast jedem größeren Dorf haben sich solche Vereine gebildet, 420 an der Zahl. Sie arbeiten auf die große Wende hin, auf die Revolution. Organisiert hat dies Brentanos sieben Jahre jüngerer Freund Amand Goegg, zu jener Zeit in Diensten des badischen Finanzministers.

Die Schweiz weist den Exilanten aus, er rettet sich nach New York

Die Fäden spinnt der über eine Generation ältere Adam von Itzstein, der schon während der Mainzer Republik 1792/93 als Student aktiver Demokrat gewesen ist. In seinem Gut Hallgarten, oberhalb des Rheintales am Rand des Taunus gelegen, versammelt er Mitstreiter aus ganz Deutschland. Brentano ist regelmäßig zu Gast und schafft es mit Itzsteins Hilfe, 1845 in die Zweite Badische Kammer einzuziehen, das Unterhaus des Karlsruher Parlaments. Dort schließt er sich der Gruppe um Itzstein und Hecker an.

Drei Jahre später trennen sich die Wege. Zwar werden alle drei Ende März 1848 von ihren Mitbürgern als Abgeordnete nach Frankfurt am Main geschickt, ins Vorparlament. Doch Hecker ist von der Arbeit in der Paulskirche rasch enttäuscht und schlägt im April in Konstanz auf eigene Faust los, um die Republik zu erzwingen. Brentano bleibt, und er hat den richtigen Instinkt: Heckers Zug scheitert nach wenigen Tagen.

Gleich setzt sich Brentano für eine Amnestie des Gefährten ein, damit Hecker nach Frankfurt zurückkehren kann. Derweil wird er selbst zum Mannheimer Oberbürgermeister gewählt. Doch die großherzogliche Regierung, die das letzte Wort hat, lehnt die Wahl zweimal ab.

Wenige Monate später setzt sich Brentano für einen weiteren Radikalen ein. In einem der ersten Schwurgerichtsprozesse Deutschlands (und dem ersten in Baden) übernimmt er die Verteidigung von Gustav Struve. Struve hat gemeinsam mit anderen Demokraten im September 1848 einen Zug von Lörrach nach Staufen angeführt. In Lörrach proklamierte er die deutsche Republik; nach wenigen Tagen trieb das großherzogliche Militär Struves kleine Truppe auseinander. Brentano verteidigt brillant. So erinnert er daran, dass nach der Niederschlagung einige Musiker standrechtlich erschossen wurden: Die "6 Musicanten" hätten wohl "mit ihren Clarinetten keine Schüsse auf die Soldathen" abgegeben. Angesichts der drohenden Todesstrafe bringt Brentano ein relativ mildes Urteil für Struve durch: acht Jahre Zuchthaus.

Der Erfolg festigt Brentanos Ansehen. Privat indes gerät er in Turbulenzen: Nach der Trennung von Caroline Leutz ist er nun mit Caroline Aberle zusammen, die ihn über alle Höhen und Tiefen bis an sein Lebensende begleiten wird.

Im Mai 1849 wählt ihn die große Versammlung der Volksvereine in Offenburg zum Vorsitzenden des Landesausschusses – obwohl er selber abwesend ist; er weilt in Baden-Baden zur Kur. Der Ausschuss soll eine Gegenregierung zum Kabinett des Großherzogs darstellen. Brentano wird beauftragt, die in der Paulskirche beschlossene Reichsverfassung durchzusetzen. Und Unverhofftes geschieht: Die badischen Truppen bekennen sich zum Ausschuss, der Großherzog flieht.

Unter klingendem Spiel und großem Jubel zieht der Landesausschuss am 14. Mai in das schwarz-rot-golden beflaggte Karlsruhe ein. Am 1. Juni überträgt der Ausschuss die Regierungsgewalt einer provisorischen Regierung. An ihrer Spitze: Lorenz Brentano. Zwei Tage später wählen die Badener. Es gilt erstmals das allgemeine, gleiche, direkte und geheime (Männer-)Wahlrecht. Brentano bleibt Regierungschef und setzt sich für Verhandlungen mit allen Seiten ein. Denn er weiß: Gegen die Bundestruppen unter preußischer Führung haben die Badener keine Chance.

Doch das Unheil ist nicht aufzuhalten: Unter dem Kommando des Prinzen (und späteren deutschen Kaisers) Wilhelm fällt das Bundesheer in die ebenfalls demokratisch gestimmte Pfalz und nach Baden ein. Der Widerstand ist erbittert, aber erfolglos. Am 28. Juni 1849 gibt Brentano auf, mit seiner Frau flieht er in die Schweiz. Man weist sie aus. Sie gehen nach Frankreich und reisen im November von Le Havre aus nach New York.

In den USA siedeln sie sich im tiefen Pennsylvanien, in Pottsville, an. Brentano versucht sich als Anwalt und kauft die deutschsprachige Zeitung Pottsville Adler, die er in Leuchtthurm umbenennt. Der Leuchtthurm fordert die Befreiung der Sklaven. Damit wird er zum Hassobjekt der alteingesessenen Demokraten, die damals auf der rechten Seite stehen. 1851 bereits muss Brentano das Blatt wieder verkaufen.

Er zieht nach Michigan und versucht sich als Latin Farmer (wie Friedrich Hecker und andere Demokraten aus Deutschland), doch ohne Erfolg. Endlich lassen sich Caroline und er in Chicago nieder; die Familie, zu der auch Tochter Emily aus Brentanos erster Ehe gehört, ist inzwischen um eine weitere Tochter und zwei Söhne gewachsen. Brentano arbeitet wieder als Anwalt. Ein anderer Forty-Eighter, Georg Schneider, ist Chefredakteur der deutschsprachigen Illinois-Staatszeitung; er lässt Brentano Artikel schreiben, und wenig später kauft sich dieser in die Zeitung ein.

Die Staatszeitung entwickelt sich zu einem ökonomischen Erfolg. Brentano zahlt die anderen Eigentümer aus, betreibt dazu eine Akzidenzdruckerei und zieht mit der Redaktion in die Mitte der aufschießenden Stadt. Zugleich geht sein journalistisches Engagement in eine politische Karriere über: Er wird gewählter Schulrat – und als Freund von Abraham Lincoln ein wichtiger Politiker für die Deutschamerikaner.

Als man ihn zu Grabe trägt, deckt Schwarz-Rot-Gold den Sarg

1860 feiert auch die Staatszeitung die Wahl Lincolns zum Präsidenten; allerdings kritisiert Brentano dessen zögernde Haltung in der Sklavenfrage. Im losbrechenden Bürgerkrieg setzt sich der Mann aus Baden für die deutschamerikanischen Generäle der Nordstaatenarmee ein, insbesondere für Hecker und Franz Sigel.

Brentano wird ins Parlament von Illinois gewählt, 1862, da ist er schon ein wohlhabender Mann. Nur plagt ihn das Heimweh nach Europa. 1867 verkauft er die Zeitung mit großem Gewinn und zieht zwei Jahre später mit der Familie in die Schweiz. Der amerikanischen Politik aber bleibt er treu, immer wieder meldet er sich von der Schweiz aus zu Wort und nimmt schließlich das Angebot von Präsident Ulysses S. Grant an, für vier Jahre als Konsul nach Dresden zu gehen.

Die deutschen Verhältnisse können ihn nicht binden. 1876 kehrt er in die Neue Welt zurück. In Chicago wartet eine lockende Aufgabe: Brentano soll als Kongressabgeordneter nach Washington. Mit 63 Jahren macht er den großen Schritt von der Paulskirche ins Kapitol.

Er ist beliebt. Umso größer seine Enttäuschung, als er für die nächste Wahl nicht wieder aufgestellt wird. Auch schlagen seine Versuche fehl, in den diplomatischen Dienst zurückzukehren. Verbittert verlässt Brentano die Republikaner – und schreibt fortan für den Chicago Democrat.

Viele linke Deutschamerikaner nehmen ihm das übel, über seinen Tod hinaus. Als Lorenz Brentano am 17. September 1891 in Chicago stirbt, verweigern die Turnervereine die Teilnahme an der Beerdigung. Und doch sind Sarg und Grab übersät mit Nelken und Fahnen, mit den Farben der deutschen Freiheit: Schwarz-Rot-Gold.

In Barack Obamas Heimatstadt Chicago begegnet man Lorenz Brentano heute an manchem Ort, Schulen und Straßen tragen seinen Namen. In Deutschland dagegen ist dieser Vorkämpfer der Demokratie, wie könnte es anders sein, fast völlig vergessen.