Porträt der Künstlerin als junge Frau. Herkunft: Queens, New York. Hautfarbe: Schwarz. Lorna Simpson ist die Tochter eines Kubaners und einer Schwarzen aus New Orleans, zu besichtigen ist hier der amerikanische Traum in Anwendung auf das Kind einer Sekretärin und eines Sozialarbeiters. Lorna Simpson, Jahrgang 1960, ist heute eine international gefeierte Künstlerin, da ist eine vielschichtige Unerschrockenheit, die ihr Werk zu einer elektrisierenden Erfahrung macht. Das Haus der Kunst in München zeigt jetzt, in Kooperation mit der Pariser Galerie Jeu de Paume, eine erste europäische Retrospektive – Fotografien, Installationen, Filme aus 30 Jahren.

Sechs große Räume. Im Treppenaufgang zu ihnen läuft ein Video, das sich am besten von oben betrachten lässt, man blickt wie von einem Balkon auf eine Bühne. Momentum (2010) ist das einzige autobiografische Werk der Ausstellung, man sieht junge Tänzer, mit Goldstaub bepudert von den wippenden Afrofrisuren bis zu den Spitzenschuhen, Tänzer, die vorsichtig, dann wild nach vorne pirouettieren, auf der Bühne des berühmten Lincoln Center in New York, wo auch Lorna Simpson einmal getanzt hat, als Kind, mit zwölf Jahren. Ein Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens.

Wir treffen Lorna Simpson in dem erstaunlicherweise ebenfalls goldbestäubten Café des Museums. Lorna Simpson betritt diese Bühne in einem tief aus geschnittenen Kleid aus schwarzem Seidenkrepp, an den nackten Füßen High Heels, die den Spann mit knallroten Fellstreifen umfassen, Design Maria Cornejo, einer Chilenin, die auch die Füße von Michelle Obama und Tilda Swinton kleidet.

DIE ZEIT: Kann es tatsächlich sein, dass Ihnen, einem schwarzen Mädchen aus Queens, New York, vorbestimmt war, eine große Künstlerin zu werden?

Lorna Simpson: Sie meinen – kann es sein, dass mir zugedacht war, eine Künstlerin zu werden? Jaa! (ausgelassenes kehliges Lachen).

ZEIT: Wie das? Warum ist es so evident?

Simpson: Weil ich Eltern hatte, die sich entschieden, nach New York zu gehen, um dort ihr Leben neu zu erfinden. Meine Eltern liebten Musik, besonders Jazz, sie besuchten Konzerte und gingen ins Theater und ins Ballett und in die Oper und nahmen mich mit. Total Immersion! Diese Dinge dringen in einen ein, auch wenn man sie noch nicht versteht. Einmal ging ich mit meiner Großmutter zu einem Musical, ich sah, wie ihre Finger zur Musik schnippten, und dachte: oh. So also schnippt man die Finger zur Musik! Ich erinnere mich, wie wir Rudolf Nurejew im Lincoln Center sahen, diese athletische Männlichkeit, als mir meine Eltern vorschlugen, Ballett zu machen, sagte ich: Ja!

Nurejew also, was noch? Es ist eine Jugend in den siebziger Jahren. Alle Gewissheiten der amerikanischen Gesellschaft verkochen in den Auseinandersetzungen um rassistische Gewalt, Frauendiskriminierung, den Einsatz in Vietnam. In der Lower East Side, wo sich die Kunststudentin Lorna Simpson einquartiert, toben Drogenkriege. Abends geht es in die GBCB Bar oder gleich in die Clubs von Harlem. Die Black-Power-Bewegung stellt sich auf. Lornas Mutter trägt eines Tages einen riesigen wunderschönen Afro, Lorna denkt: "Okay. Es ist ihr Kopf!"