Zu schade, dass er es nicht mehr auf Tour geschafft hat. Es hätte gut gepasst zu diesem Jahr, in dem sie alle noch einmal vorbeigezogen kamen, der heilige Neil, der olympische Leonard, der sakrosankte Bob, ein umjubeltes, wenngleich schon spürbar von Abschiedswehmut umflortes Stelldichein der Veteranen – als hätten sich Young, Cohen und Dylan abgesprochen, vor dem endgültigen Abtreten eine vielleicht letzte Runde zu drehen. Auf seine Weise aber war es folgerichtig, dass er fehlte: An Verabredungen gleich welcher Art hat Lou Reed sich nie gehalten.

"Schreibt einfach, John Cale war der Unbekümmerte, und Lou Reed war das Arschloch", höhnte er seinen Biografen schon vor Jahrzehnten entgegen, als Rock noch eine existenzielle Angelegenheit war und stündlich mit der Meldung seines Ablebens gerechnet wurde. Reed schien für das Schicksal des Rock-’n’-Roll-Toten prädestiniert wie kein anderer, er hat nichts ausgelassen, was in fünf Jahrzehnten an lebens- und wahrnehmungssteigernden Substanzen kursierte. Doch statt der Nachwelt den Gefallen zu tun, als schöne Leiche zu enden, streute er in der Rolle des schlecht gelaunten Überlebenden immer neues Gift unters Volk.

Es war die Vision der Rockmusik für Erwachsene, die ihn vorantrieb

Sparen wir uns falsche Demutsgesten, er hätte sie selbst nicht gemocht: Lou Reed war ein Stinkstiefel allererster Güte. Legendär seine Wutausbrüche, berüchtigt seine Manier, sich nullsilbig hinter dunklen Augengläsern zu verschanzen. Reed hasste den Rockbetrieb mit einer Inbrunst, die ihm im Lauf seiner Karriere zur zweiten Natur geworden war. Von John Cale, dem ewigen Zweiten bei Velvet Underground, stammt das Bonmot, der Missbrauch von Amphetaminen habe die Muskelstruktur seines Gesichts so irreversibel verändert, dass Reed nicht mehr lächeln könne. Gerade sein Querulantentum machte ihn einzig. Wo die meisten sich einrichteten, blieb Reed unbequem bis hin zur Bösartigkeit.

Es ist der Stachel der Negativität, den er mit anderen Vertretern der Protestgeneration gemeinsam hat und den er doch mit seltener Radikalität hervorkehrte. "I have made a big decision, I’m gonna try to nullify my life" ("Ich habe eine wichtige Entscheidung getroffen, ich werde versuchen, mein Leben auszulöschen"), die berühmte Zeile aus seiner Fixer-Hymne Heroin gehört nicht nur zu den abgründigsten Zeilen der Rockgeschichte, sie beschreibt einen Klassenverrat: Lewis Allan Reed, Sohn einer jüdisch-mittelständischen Familie aus Long Island, streift die Fesseln seiner Herkunft ab und begibt sich hinab in den Sumpf der Großstadt. In New York begegnet er den Figuren, die seine Songs bevölkern: Holly aus Miami, die im Schutz der Nacht zur Frau wird, Candy, die es in den Hinterzimmern mit allen treibt, Little Joe, dem kleinen Zuhälter. "Hey babe, take a walk on the wild side ..."

Dass die Exkursionen im Medium der Rockmusik stattfanden, steht für den großen künstlerischen Aufschwung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Wer etwas auf sich hielt, nahm Abschied von den Kriegsteilnehmern und gründete eine Band. "You can’t beat two guitars, bass and a drum", auch diesem zweiten Leitsatz seiner Laufbahn ist Reed sein Leben lang treu geblieben, von den Aufnahmen mit Velvet Underground, jener nach einem Groschenroman benannten Zusammenrottung genialer Dilettanten, bis hin zu den wüsten Klanggewittern seiner Experimentalalben. Die Lakonie seiner Texte aber entstammt der Literatur: Reeds Berichte aus dem Herzen Babylons beerben die schwarze Romantik Baudelaires genauso wie den Polizeireporterton Raymond Chandlers.

Es war die Vision einer Rockmusik für Erwachsene, die ihn vorantrieb. Reed, der ewige Avantgardist, war Punk avant la lettre, er hat den Glamrock miterfunden und die Verwirrung der Geschlechterrollen vorausgelebt, in seinen urbanen, wie aus den Mundwinkeln gequengelten Kurzgeschichten klingen sämtliche Themen an, die uns Großstädter hier und heute bewegen. Nicht mitgemacht hat er den Marsch durch die Institutionen. Sobald der Mainstream erreicht war, flüchtete er sich in eine weitere seiner vielen Metamorphosen: vom poète maudit zum Lederschwulendarsteller zum rockenden Oberlehrer, der sein Publikum mit bösen Blicken abstrafte, als wolle er sagen: Euer Beifall kotzt mich an.

Heute, da der Rock ’n’ Roll brav geworden ist, geht die Sehnsucht um. Man möchte sie ein letztes Mal erleben, die Helden, bevor die Ära der rockenden Jugendverschwender sich endgültig ihrem Ende zuneigt – gerade die Nachgeborenen plagt der Phantomschmerz wie das Jucken eines Körperteils, der ihnen vor der Geburt entfernt wurde. Dass Lou Reed nun mit 71 Jahren ausgeschieden ist bei diesem letzten Abenteuer des öffentlichen Verlöschens, ist schade, aber in seinem Sinn. Die Trauerarbeit hat er bereits vor einem Vierteljahrhundert mit drei meisterlichen Alben geleistet. Der Rest lässt sich als Versuch verstehen, seinen Klassikerstatus zu sabotieren.

Was ihm verwehrt und erspart blieb, ist die Heiterkeit, mit der die anderen Überlebenden des Heldenzeitalters ihr Spätwerk begingen und bis heute begehen: Neil Young als ewiger Hippie und Propagandist grünen Ideenguts, Bob Dylan als stoischer Wandersmann, der einsam seine Bahnen zieht, Leonard Cohen als Erotiker von Welt, dem noch im Greisenalter die Herzen junger Frauen zufliegen, obwohl der Anzug schon um die Knochen schlackert. Im Kreise dieser Herren blieb Lou Reed der Unversöhnte. Jetzt müssen wir ohne ihn schlecht gelaunt sein.

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