Wenn Union und SPD in diesen Tagen in Berlin miteinander verhandeln, sitzt auch Martin Schulz mit am Tisch. Das ist überraschend: Schulz ist zwar der führende Europapolitiker der SPD, aber als Präsident des Europäischen Parlaments (EP) ist er zur Überparteilichkeit verpflichtet. Noch überraschender ist, dass der Sozialdemokrat bei der Europawahl im Mai als Spitzenkandidat antreten und dann gegen jene Christdemokraten Wahlkampf führen will, mit denen er nun verhandelt.

Endgültig verworren – oder sagen wir dialektisch – wird die Situation dadurch, dass Schulz nach dieser Europawahl Präsident der EU-Kommission werden will. Ein Vorhaben, für das er die Unterstützung der deutschen Kanzlerin braucht.

Der Plan geht so: Um bei der Europawahl auch im Süden für sich zu werben, muss Schulz der Kanzlerin bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin Zugeständnisse abtrotzen. Mit den Zugeständnissen Merkels hofft Schulz genug Stimmen in Europa sammeln zu können, um dann mit diesen Stimmen vor die europäischen Regierungschefs zu treten – also auch vor Merkel – und Chef der EU-Kommission zu werden. Nur: Merkel war bei der Wahl in Deutschland auch deshalb so erfolgreich, weil sie dem Süden Zugeständnisse verweigert hat.

Es hat schon einfachere Wege gegeben, die nicht zum Ziel geführt haben.

Schwer zu sagen, wann genau Martin Schulz beschlossen hat, Präsident der EU-Kommission werden zu wollen. An diesem Tag im September 2011 jedenfalls hat er sein Ziel schon klar vor Augen. Schulz ist zu dem Zeitpunkt noch Fraktionschef der Sozialisten im EP, er sitzt an einem Besprechungstisch in seinem Brüsseler Büro und verteilt Pralinen. Die Finanzkrise hält Europa in Atem, aber Schulz ist in Gedanken zwei Schritte weiter. Er spricht über 2014, die nächste Europawahl. Er sorgt sich um das Ansehen des EPs; zuletzt ist die Wahlbeteiligung auf 43 Prozent gesunken. Er beobachtet die wachsende Skepsis der Menschen gegenüber der anonymen und immer weniger verständlichen Brüsseler Politik.

Und er erklärt, wie man all das ändern könnte. Wie man das Parlament stärken und die nächste Europawahl zu einer echten Entscheidung machen könnte. Was er sagt, klingt im Herbst 2011 nach einer abenteuerlichen Idee. Doch es ist, wie sich herausstellen wird, ein ziemlich durchdachter Plan. Und zugleich ein gewaltiges Experiment.

Schulz will die Politik der EU transparenter und demokratischer machen, aber er hat noch ein anderes, recht persönliches Ziel: Martin Schulz würde gern zum Präsidenten der EU-Kommission aufsteigen. Er hätte dann das wichtigste politische Amt in Brüssel und würde damit auch Angela Merkel herausfordern.

Bislang wurde der Präsident der Europäischen Kommission stets in kleiner Runde ausgekungelt. Personalpolitik war Sache der Regierungschefs. Doch wenn der Kommissionschef im nächsten Sommer gewählt wird, gelten erstmals die Regeln des Lissabonner Vertrags: Der Kandidat – oder die Kandidatin – wird zwar wie bisher von den Regierungschefs der 28 EU-Staaten vorgeschlagen. Aber anders als bisher muss dieser Kandidat anschließend vom EP gewählt werden. Die Regierungschefs müssen deshalb das Ergebnis der Europawahlen bei ihrem Vorschlag ausdrücklich "berücksichtigen"; so steht es in Artikel 17 des Lissabonner Vertrags. Auf diesem Artikel basiert Schulz’ Plan.

Es klingt einfach: Die Auswahl soll transparenter werden und das Parlament mitsprechen. Doch die neuen Regeln sind ein typischer EU-Kompromiss, in dem der nächste Konflikt bereits angelegt ist. Der Rat der Regierungschefs hat zwar die Hoheit darüber verloren, wer Kommissionspräsident wird – aber das Parlament hat sie nicht vollständig gewonnen. Die beiden Institutionen werden sich verständigen müssen. Nur wie? Wann? Was heißt überhaupt: das Ergebnis der Europawahl "berücksichtigen"?