Neben dem Recht auf Leben, Bildung und Meinungsfreiheit wird uns nun endlich ein weiteres eingeräumt: das Recht auf Orgasmus. Die Schirmherrschaft über den Höhepunkt übernahm im Mai 2012 die dänische Sexologin Ann-Marlene Henning. Mit ihrem Ratgeber Make love – Ein Aufklärungsbuch rief sie junge Erwachsene, auch bekannt als Generation Neon, dazu auf, mehr Behutsamkeit und Sensibilität im Umgang mit den eigenen sexuellen Wünschen und denen des Partners zu üben.

Bevor im Januar 2014 die Verfilmung des Romans Schoßgebete von Charlotte Roche die Generation Nido über Möglichkeiten informieren dürfte, durch buntes Programm ihre Ehe auch längerfristig zu gestalten, bringt die neue MDR-Doku Make love – Liebe machen kann man lernen dem Land nun schon mal im Fernsehen das dazugehörige Handwerk bei. In der fünfteiligen Reihe mit vielversprechenden (Frage-)Stellungen und Themen wie zum Beispiel "Sex als Single" und "Wenn unten nicht macht, was oben will" navigiert die stets unerschütterlich gut gelaunte Henning ihre Klienten und das Fernsehpublikum durch die Höhen und Tiefen der menschlichen Sexualität.

Die erste Folge, die am kommenden Sonntag um 22.20 Uhr im MDR und am folgenden Mittwoch um 22 Uhr im SWR ausgestrahlt wird, führt die Zuschauer nach Böblingen. Dort trifft die Sexologin Jessica und Oli. Seit zehn Jahren liiert, mögen sie sich noch immer, Sex allerdings findet nur einmal im Quartal statt. An dieser Stelle sei kurz an einen Moment aus Woody Allens Annie Hall erinnert, der die Kompliziertheit des Sujets auf den Punkt bringt. Man sieht die Partner auf einem geteilten Bildschirm bei ihren jeweiligen Therapeuten. Auf die Frage "Wie oft schlafen Sie miteinander?" antwortet er: "So gut wie nie, vielleicht drei Mal pro Woche", dann sie: "Die ganze Zeit! Ich würde sagen, drei Mal pro Woche."

Doch zurück nach Baden-Württemberg. Neben einer schlecht kopierten Szene der großartigen Anfangssequenz des Films Drei von Tom Tykwer, in welcher zwei an einem ICE vorbeirauschende Oberleitungen, die sich stets wieder annähern und voneinander entfernen, den potenziellen Verlauf einer Paarbeziehung illustrieren, irritiert vor allem ein Satz von Jessica die gemütliche Sendung.

Nachdem die beiden Böblinger auf Video einem anderen Paar bei der darstellerisch expliziten Info-Kopulation zugesehen haben, reagiert die etwas fülligere Jessica mit den Worten: "Was ich richtig toll find: Die hat ’n Bauch. Und es sieht trotzdem schön aus." Während an der Oberfläche betont lässig über Schamhaarfrisuren, Dildos und Spanking parliert wird, scheint Jessicas Problem im unausgesprochenen Unwohlsein mit dem eigenen Körper zu liegen.

So toll es auch sein mag, durch einen aktiven Beckenboden zu mehr Genuss zu kommen – stärker ist doch der Eindruck, dass sich Frauen vor allem aufgrund körperlicher Komplexe verkrampfen.Und übrigens auch bei Entdeckungstour am eigenen Körper, die Henning Mantra-artig propagiert. Unterstützt von einer stofftierähnlichen Vagina namens Mösette, veranschaulicht die in Hamburg praktizierende Sexologin die Physis des weiblichen Geschlechtsorgans, referiert über die weibliche Prostata und lässt den Psychologen Doktor David Schnarch via iPad Vergleiche zwischen irritierten Austern und erfüllter Sexualität anstellen. Immer wieder jedoch wird ihr durchaus unterhaltsamer und informativer Handwerksunterricht in dieser Folge von Fragen bezüglich optimaler Schlafzimmerbeleuchtung und den Körper möglichst vorteilhaft umschmeichelnder Negligés unterbrochen. Nach 45 Minuten hat man den Eindruck, dass Sex bei diesem Protagonisten-Paar nicht das Hauptproblem zu sein scheint.

Wem deutsche Ikea-Schlafzimmer, hoch dosierter skandinavischer Frohsinn und die plüschige Mösette dann doch nicht genug (oder zu viel) sind, dem sei als thematische Alternative die Serie Masters of Sex empfohlen. Der Showtime-Neuling, dem im US-Fernsehen der Quotenerfolg Homeland vorangestellt ist, basiert auf der Biografie Masters of Sex – The life and times of William Masters and Virginia E. Johnson. Erzählt wird die Geschichte der beiden US-Wissenschaftler, die durch ihre Forschung zum menschlichen Sexualverhalten in den fünfziger Jahren Pionierarbeit leisteten. Michael Sheen und Lizzy Caplan flirten und forschen sich durch humorvolle und kluge Dialoge an die Causa heran. Dazu gibt es Musik von Pat Boone und Elvis Presley und ab und an auch Momente von einem Pathos, wie er wohl in Böblingen nur schwer zu ertragen wäre.

Er: "Wie fühlt sich ein Orgasmus für eine Frau an ?" Sie: "Darauf zu antworten wäre wie der Versuch, jemandem Salz zu erklären, der es noch nie vorher gekostet hat."