Der Roman dauert einen Tag, handelt von einer Frau und einem Hund und einem Leben. Er beginnt am Morgen in einer Wohnung in der Berliner Winterfeldstraße, da ist der Himmel noch gelb, und endet am Abend in einem Park, kurz nach Sonnenuntergang. Es ist Abschiedsstimmung in diesem Buch, denn die Frau, die von ihrem Leben erzählt, ist nicht mehr ganz jung. Ihre Mutter ist schon lange tot, die Tochter ist erwachsen, die Männer sind lange verschwunden, die Freundin ist gerade gestorben. Die Frau ist darüber nicht sentimental geworden, war es nie. Außerdem ist sie ausgesprochen schlau. Schon am frühen Morgen denkt sie darüber nach, ob Menschen, die unter einer "einfachen Schizophrenie" leiden, womöglich eine "missglückte, zwanghafte Ich-Bewahrung" vollbringen. Auf diesem gehobenen Konversationsniveau unterhält sie sich angeregt mit sich selber.

Der Tag, den wir in diesem Buch dann vom Frühstück bis zum Sonnenuntergang mit ihr verbringen, ist ein einschneidender. Ihre alte Freundin Olga, Mutter ihres ersten Mannes und Großmutter ihrer Tochter, wird am Vormittag zu Grabe getragen. Solche Tage laden dazu ein, sich zu erinnern und das Leben noch einmal Revue passieren zu lassen. Vergessenes und erfolgreich Verdrängtes klopft an, und Erinnerungsleichen, die man tief in sich vergraben hat, kehren zurück. Vor allem das erwartete Zusammentreffen mit dem Vater ihrer Tochter zerrt an den Nerven der sechzigjährigen Erzählerin und gefährdet besagte "Ich-Bewahrung". Mit den Menschen, die aus den verschlossenen Kellerräumen ihres Lebens wieder auftauchen, fürchtet sie auch, mit den Vorgängerinnen ihres heutigen Ichs wieder in Berührung und darüber aus dem eingefahrenen Gleis ihres Lebens zu kommen. Und weil diese Icherzählerin nicht nur ängstlich, sondern auch scharfzüngig ist, fragt sie sich, noch bevor sie zum Friedhof aufbricht, "wo die ganzen Ichs überhaupt bleiben, die man in seinem Leben war und denen man das letzte immerhin verdankt?". Bei dieser ein wenig zu starphilosophischen Frage angekommen, ist es schon halb neun, und man raucht auf dem Balkon eine erste Zigarette.

Da passiert es. Ein Wölkchen am Himmel bringt die Heldin und ihren Roman aus dem neunmalklugen Takt. Die Wolke ändert plötzlich ihre Laufrichtung, als wäre sie eine Maus in einer Kafka-Parabel, die Welt kommt ins Rutschen und die Erzählerin in einen anderen Zustand, in dem sie alles nur noch wie in tausend Stücke zersprungene "flimmernde Punkte" wahrnimmt. Unangenehm scheint diese Verpixelung nicht zu sein. Und die kluge Erzählerin ist auch nicht so verwirrt, dass ihr nicht noch einfiele, ihr Berliner Balkonerlebnis mit den pointillistischen Himmelsbildern von Claude Monet zu vergleichen. Auch von El Greco, Max Liebermann, Goya und einem unbekannten altfranzösischen Meister aus einem Wiener Museum ist im Weiteren die Rede – die gebildete Erzählerin ist Mitarbeiterin eines Kunstmuseums und zeigt eine ausgeprägte Neigung, ihre Erinnerungsbilder kunstgeschichtlich ein wenig nachzukolorieren.

Nachdem die Welt nun für die Dauer dieses kurzen Romans derart kunstvoll verschwimmt, kippt das Buch als Ganzes in ein angenehmes Flirren und verlegt sich mehr und mehr auf Geistergespräche, die die Erzählerin mit den Toten ihres Lebens – vielleicht auch nur mit den vielen Ich-Verpuppungen ihres Inneren – führt.

Die tote Olga taucht als Erste aus dem Farbnebel auf und bekräftigt mit ihrer Wiederauferstehung den alten idealistischen Wunsch nach einer erhöhten Durchlässigkeit zwischen Schein und Sein – "man muss nur lange genug an etwas denken". Die Damen verplaudern sich, der Aufbruch – "jetzt musst Du gehen, sonst kommst Du zu spät zu meiner Beerdigung" – verzögert sich. Die malerische Sehbehinderung tut ein Übriges, um der Heldin, die inzwischen ihr Auto durch den Berliner Stadtverkehr steuert, das pünktliche Erreichen des Friedhofs außerhalb der Stadtgrenze zu verunmöglichen. Die Tote beschwert sich über die Verspätung ungehalten aus dem Autoradio. Die Icherzählerin hingegen zeigt sich über die impressionistische Übermalung ihrer Welt erfreut, erspart sie ihr doch die Wiederbegegnung mit den realen Gespenstern ihrer Vergangenheit.