Jetzt diskutieren wir wieder. Über die Familie an sich. Über richtige Lebensentwürfe und falsche Steuerabzüge. Über Heimchen am Herd, Rabenmütter, Vaterschaftsurlaube und selbstbewusste Frauen, die glücklich ihren Job an den Nagel hängen. Und in diesen Diskussionen beruft man sich gerne auf Wahrheiten, die in der Vergangenheit wurzeln, auf Mythen und große Gewissheiten – auch wenn diese nicht ganz so gewiss sind.

1. War die Schweizer Frau schon immer ein Heimchen?

Die Frau am Herd, der Mann am Erwerb: An keiner Delegiertenversammlung und in keinem Facebook-Aufruf zum richtigen Abstimmungsverhalten bei der SVP-Familieninitiative darf er fehlen: der Bezug auf das sogenannte traditionelle Rollenmodell, diese feste Größe im Vokabular der Streitgenossen um die "richtige Familie". Es suggeriert, dass es da eine ursprüngliche, gleichsam natürliche Art und Weise gäbe, wie ein Paar die Familien- und Erwerbsarbeit organisiert. Und dass es dafür eine uralte Tradition gibt, es also historisch richtig ist, dass die Frauen ausschließlich für die Kinder und die Männer für das Einkommen sorgen.

Bloß: Ganz so traditionell ist das "traditionelle Rollenmodell" nicht. "Erst in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Ideal von breiten Schichten geteilt", sagt Regina Wecker, emeritierte Professorin für Geschichte an der Universität Basel, "und erst nach und nach konnte es sich eine breite Schicht, also auch Angehörige unterer Mittelschichten, leisten, nach diesem zu leben." Wecker schätzt, dass das, was heute mit dem Nimbus des Ewigwährenden umgeben ist, während rund drei Jahrzehnten zwischen 1960 und 1980 in dieser Form existierte und weder vorher noch nachher der Realität einer Mehrheit von Menschen in der Schweiz entsprach.

2. Zwingt der Staat die Eltern zur Fremdbetreuung ihrer Kinder?

"Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder fremdbetreuen." Der Satz stimmt so lange, wie der Blick in die Vergangenheit nicht weiter als bis in die 1960er Jahre reicht. Interessiert man sich für Familienverhältnisse, die weiter zurückliegen, bekommt der Begriff "Fremdbetreuung" eine neue, wenig romantische Dimension: Viele Kinder, die im 18. oder 19. Jahrhundert geboren wurden, waren nicht im heutigen Sinne fremdbetreut, nein, sie wuchsen gar nicht erst bei ihren Eltern auf. Weil die Eltern bereits gestorben waren oder keine Zeit für ihren Nachwuchs hatten – sie mussten arbeiten. Wo also waren diese Töchter und Söhne? Bis zur Einführung der AHV im Jahre 1948 war es gang und gäbe, Kinder bei fremden Familien unterzubringen, wenn ein Elternteil starb. Fehlten die Verwandten, wurden die Kinder in Waisenhäuser gesteckt. Aber auch manches Arbeiterkind wuchs im 19. Jahrhundert bei den Großeltern auf dem Land oder im Heim auf.

Dass die Geschichte der Fremdbetreuung nicht erst mit der Industrialisierung anfängt, zeigt ein Blick ins historische Lexikon der Schweiz: In Langnau im Emmental lebten im 18. Jahrhundert elf Prozent der Kinder unter 15 Jahren nicht in ihrer eigenen Familie – viele davon, weil sie verdingt wurden.

Wobei Betreuung eigentlich das falsche Wort ist. "Der Anspruch, dass Kinder einer besonderen Sorge bedürfen, eben dass sie betreut werden müssen, entstand erst im 19. Jahrhundert und konnte bis weit ins 20. Jahrhundert nicht erfüllt werden. Auch nicht von den leiblichen Eltern, weil sie keine Zeit dafür hatten", sagt die Historikerin Wecker.

Staatlich zur Fremdbetreuung gezwungen wurden schließlich auch die Arbeitsmigranten, die in den 1950er Jahren zu Tausenden als Saisonniers in die Schweiz kamen und ihre Kinder bei Verwandten in Italien oder Spanien zurücklassen mussten, weil ihnen der Familiennachzug verwehrt wurde. Abgeschafft wurde das Saisonnierstatut erst im Jahre 2002.

3. Sind arbeitende Frauen eine neuzeitliche Mode?

Für konservative Politiker ist die Erwerbstätigkeit von Müttern eine neuzeitliche Mode, die nur der Selbstverwirklichung der Frauen dient – und jeder Tradition entbehrt.

Doch just hier ist die Tradition eine andere: Dass Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, ist keine historische Anomalie der Gegenwart, sondern seit Jahrhunderten der Normalfall. Frauen haben in den neu entstandenen Textilfabriken bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Mehrheit der Belegschaft ausgemacht. "Man hat sie geholt, weil sie, die zuvor in der Heimtextilindustrie tätig waren, mit der Herstellung von Textilien vertraut und also bestens qualifiziert waren", sagt Regina Wecker. "Aber auch darum, weil sie als fleißig, beständig und wenig aufmüpfig galten und man ihnen niedrige Löhne bezahlen konnte als den Männern." Was neu wurde mit der Industrialisierung: Die Frauenarbeit fand außer Haus statt und wurde sichtbar.

4. Lebten unsere Großeltern im Schoß ihrer ganzen Sippe?

Die Kleinfamilie ist ein Kind der 1950er Jahre. Bis in die Jahre des Wirtschaftsaufschwungs war die "Familie" eine Großfamilie: Mehrere Generationen, die ganze Sippe, leben unter einem Dach. Sie sind eingebunden in eine ausgedehnte Verwandtschaft; sie arbeiten zusammen und tragen Sorge füreinander.

Alles falsch. Die Großfamilie existiert "seit vermutlich über 1.000 Jahren" in unseren Breitengraden kaum mehr. So steht es im Katalog zur Ausstellung Familie. Alles bleibt, wie es nie war des Schweizer Landesmuseums. Eine niedrige Lebenserwartung und ein verhältnismäßig hohes Heiratsalter brachten es mit sich, dass in der Schweiz um 1870 zu einer Familie vier bis fünf Kinder gehörten. Kinderreiche Familien waren schon damals die Ausnahme. In Basel hatte die Durchschnittsfamilie um 1900 sogar nur drei Kinder. Prekäre Wohnverhältnisse, Armut, fehlendes Geld und keine Verwandtschaft in der Nachbarschaft machten schon damals eine Familienplanung notwendig.

Und wer um 1800 in der Schweiz heiratete und alle seine nahen Verwandten – Eltern, Großeltern, Schwestern, Brüder mitsamt Ehegatten – einlud, der hatte im Schnitt sechs Gäste. Nur wer auch noch alle Tanten und Onkel, Neffen und Nichten, Cousins und Cousinen ersten Grades samt Ehegatten einschloss, konnte 20 Verwandte an die Tafel setzen. Alle anderen waren tot. Nur der Mythos, er lebt ewig.