Wechselt in der Bundesliga das Führungspersonal, ist das in der Regel Stoff für die Titelseiten der Tageszeitungen. Geschieht dasselbe in den Top-Positionen des internationalen Kunsthandels, ist das oft nicht einmal eine Meldung wert. In der vergangenen Woche ist ein solcher Wechsel in der Champions League des Kunsthandels bekannt geworden: Der gebürtige Niederländer Nanne Dekking, bislang Vizepräsident der Galerie Wildenstein, wechselt als Executive Vice President und Vice Chairman Americas zu Sotheby’s. Bei Wildenstein, dem legendären, 1875 gegründeten Kunsthaus mit Sitz in Paris und New York, betreute der 53-Jährige die Top-Kunden, verkaufte Monet und Manet, Fragonard und Rembrandt, van Gogh und Cézanne. Nie dementierten Informationen zufolge war er es auch, der die letzte noch in Privatbesitz befindliche Leonardo-Madonna an einen Landsmann vermittelte.

Dekkings Wechsel vom Galeriegeschäft zu einem der großen weltweit tätigen Auktionshäuser steht deshalb auch für einen andauernden Strategiewechsel am internationalen Kunstmarkt: Seit einiger Zeit bereits bemühen sich die Auktionshäuser – durch Gründung und Kauf eigener Galerien, durch direkte Verkaufsausstellungen wie die augenblickliche George-Braque-Schau bei Sotheby’s in New York und andere Aktivitäten –, ihren Einfluss am Sekundärmarkt auszubauen. Dass in den vergangenen Monaten gerade in diesem Bereich – etwa mit dem Verkauf von Paul Cézannes Kartenspielern für mindestens 240 Millionen Dollar durch die Gagosian Gallery ans Herrscherhaus von Qatar – enorme Umsätze mit Kunstwerken zu machen waren, hat die Qualität des Auktionsangebotes durchaus spürbar geschwächt: Spitzenwerke sind dort gerade im Bereich der Moderne, des Impressionismus und der Altmeister seltener geworden. Die Verpflichtung eines der weltweit führenden Privathändler durch ein Auktionshaus fügt sich vor diesem Hintergrund lückenlos in die Neuausrichtung des Geschäftskonzeptes.

Sind die "private sales" ein Angriff auf die Geschäfte der Kunsthändler?

Für Marktbeobachter war Dekkings Wechsel von Wildenstein in der 64. Straße an der Upper East Side in Manhattan zu Sotheby’s an der York Avenue eine unerwartete Überraschung. Dass die Galerie Wildenstein seit einigen Jahren im Mittelpunkt möglicher Skandale steht, habe bei seiner Entscheidung keine Rolle gespielt, sagt Dekking: Die inzwischen ebenfalls verstorbene Witwe des Firmenpatriarchen Daniel Wildenstein warf ihren Söhnen Guy und Alec vor, einen Großteil des Familienvermögens vor ihr in Trusts bei Offshore-Banken verborgen zu haben. Die französischen Steuerbehörden gingen damit zu Zeiten des von Guy Wildenstein unterstützten Präsidenten Sarkozy erstaunlich nachsichtig um, inzwischen wird jedoch ermittelt. Mitglieder von angesehenen Sammlerfamilien wie Rouart und Reinach-Goujon werfen dem Unternehmen zudem vor, bei der Regelung von Erbschaftsangelegenheiten wertvolle impressionistische Bilder unterschlagen zu haben.

"Diese Gerüchte haben mich nie berührt", kommentiert Nanne Dekking. "Ich habe elf Jahre für Guy Wildenstein gearbeitet und kenne ihn schon seit 1997, als ich nach New York gekommen bin. Ich habe großen Respekt für ihn, man darf nicht vergessen, dass er Probleme geerbt hat."

Eine neue Abteilung für die sogenannten private sales, die diskreten Verkäufe durch Auktionshäuser außerhalb von Auktionen, wird es nach Dekkings Verpflichtung bei Sotheby’s nicht geben. Als Hauptaufgabe beschreibt der Niederländer die Modernisierung und Vereinheitlichung dieses Geschäftsbereichs: "Es wäre schade, wenn wir einige Spezialisten nur für den Bereich private sale s abziehen würden. Es gibt so viel Wissen, so ein umfassendes globales Netzwerk und so viele Überschneidungen, die man nutzen sollte." Dass Ausbau und Professionalisierung dieser Aktivitäten auch ein Angriff auf das Kerngeschäft der klassischen Galerien sind, bestreitet Dekking: "Wir haben diesen Teil des Marktes nicht erfunden. Er wurde durch die Nachfrage vorgegeben: Unsere Kunden wollen mit uns auch unabhängig von den traditionellen Auktionsterminen arbeiten. Die heutigen Käufer, egal, ob aus China, Russland oder den arabischen Ländern, sind nicht mehr an eine Kaufform oder an einen Ort gebunden. Und wenn dadurch nun jemand die Zukunft der Galerien infrage stellt, erinnert mich das an die erste Teilnahme von Wildenstein an der European Fine Art Fair in Maastricht vor einigen Jahren. Viele Händler waren aus Angst vor der Macht der Galerie Wildenstein erst dagegen – aber sehr glücklich, als wir im Jahr darauf wiederkamen, weil wir viele Käufer mitgebracht hatten, die vorher nicht gekommen waren. Wir werden auch jetzt zusammenarbeiten müssen. Auktionshäuser haben ein weltweites Netzwerk, das den eher lokalen Galerien sehr guttun kann. Deshalb sind die aktuellen Veränderungen nicht grundsätzlich etwas Schlechtes für die Branche."

"Irgendwann werden wir von einem 300-Millionen-Deal hören"

Trotz regelmäßig neuer Rekorde bei klassischer Moderne und Gegenwartskunst spiele der Preis eines Kunstwerks durchaus noch eine Rolle, bestätigt Nanne Dekking zum Schluss. Weil aber Kunst entgegen allen Beteuerungen für eine stetig wachsende Zahl von Käufern durchaus zur Anlageform geworden sei, falle ihnen auch die Entscheidung leichter, für ein wirklich bedeutendes Kunstwerke einen wirklich hohen Preis zu bezahlen: "Seien wir realistisch: Der Kunstmarkt entwickelt sich in Zyklen, aber: Ja, am Ende geht es immer nach oben. Deshalb werden wir irgendwann sicher von einem 300-Millionen-Deal hören. Bitte fragen Sie mich aber nicht, wann das ist und auch nicht, wofür: vielleicht einen Leonardo, Pollock, van Gogh. Vielleicht aber auch einen jungen chinesischen Künstler. Der Markt verändert sich sehr schnell, alles ist möglich."