Sie wollte sich etwas Gutes tun – und griff zu einer Feuchtigkeitscreme von Nivea. Eine scheinbar gute Wahl, versprach die Creme doch einen Anti-Falten-Effekt. Wäre da nur nicht dieser klein gedruckte Hinweis "Nano" gewesen! Sie hatte schon davon gehört: Diese Nanopartikel sind uns längst auf den Leib gerückt. Sie kommen in zahlreichen Kosmetik- und Körperpflegeprodukten zum Einsatz. Und das nicht nur beim Nivea-Hersteller Beiersdorf. Neu ist allerdings, dass man das seit Juli auf der Verpackung nachlesen kann: Dort müssen Nanopartikel jetzt gekennzeichnet werden.

Die Hersteller von Kosmetika haben die besonderen Eigenschaften der winzig kleinen Teilchen schon seit Langem entdeckt – wie zum Beispiel die von Ruß. Sie kommen als Carbon Black unter anderem in Wimperntuschen (Mascara) oder Kajalstiften zum Zuge. Der tiefschwarze Farbstoff haftet in seiner nanoskaligen Struktur besonders gut. Der Vorteil: Das Make-up ist beständiger und verläuft nicht in den Falten.

Mit Nanomaterial wird auch in der Zahnpflege geworben. Dort soll es in seiner stark verkleinerten Struktur angeblich in der Lage sein, feinste Risse in offenen Zahnhälsen zu verfüllen. Und mithilfe von sogenannten Nanotransportern können die in Cremes und Emulsionen enthaltenen Vitamine und Enzyme in tiefere Hautschichten eindringen.

Die wirtschaftlich bedeutsamste Fraktion der Nanomaterialen sind jedoch die UV-Filter. Besonders effektiven Schutz bieten die beiden Pigmente Titandioxid und Zinkoxid in ihrer Nanoform.

Früher war der Sonnenschutz noch mit einem ästhetischen Ärgernis verbunden: Die dicke, weiße Paste verlieh der Haut einen unvorteilhaften Teint. Heute enthalten die komplexen Rezepturen meist verkleinerte Pigmente mit einem Durchmesser von 50 bis 150 Nanometer. So sind die Cremes dünnflüssiger und lassen sich leichter auftragen. In Nanogröße bleiben die ursprünglich weißen Titandioxid-Partikel für das menschliche Auge unsichtbar.

"Als klarer Film auf der Haut bilden die winzigen Teilchen eine Art Spiegel, der das Sonnenlicht reflektiert", rühmt Ines Tannert die wundersamen Eigenschaften des Materials. Und seine Risiken? Die Sprecherin des Beiersdorf-Konzerns erklärt, dass Titandioxid und Zinkoxid zu den besonders umfassend untersuchten Inhaltsstoffen zählen.

In der Tat: Auch in Nanoform scheint von den seit mehr als 30 Jahren zugelassenen Substanzen keinerlei Gefahr auszugehen. So haben Studien gezeigt, dass die winzigen Partikel nicht durch gesunde Haut dringen können. Allerdings: "Bei Haut, die durch einen Sonnenbrand oder durch Aufkratzen geschädigt ist, besteht noch Forschungsbedarf", sagt Laura Gross. Sie ist die Fachfrau in Sachen Nano bei der Verbraucherinitiative, gibt aber zugleich zu bedenken, dass es viel riskanter sei, sich ungeschützt der Sonne auszusetzen.

Zudem sind Nano-Titandioxid und Nano-Zinkoxid besser verträglich als chemische Lichtschutzfilter, die Allergien auslösen können oder manchmal sogar hormonähnliche Wirkungen zeigen.

Bislang gibt es erst wenige synthetisch hergestellte Nanopartikel, die in Kosmetika zugelassen sind. Und es klingt ganz beruhigend, wenn Mario Götz vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sagt, dass jedes Kosmetikum eine Vielzahl von Tests durchlaufen muss, bevor es auf den Markt gebracht wird.

Allerdings sind Kosmetika dazu bestimmt, ausschließlich an der Körperoberfläche zu wirken. Geraten manche Partikel aber so klein, dass sie womöglich doch die Hautbarriere überwinden oder durch das Einatmen eines Sprays über die Lunge in den Körper gelangen, können sie eventuell Schäden verursachen, deren Art und Ausmaß noch nicht abzusehen ist.

Einige Hautcremes, Seifen oder Deos sollen sogar auf Nanogröße verkleinerte Edelmetalle wie Gold enthalten. Doch das halten Experten eher für einen Werbegag. Anders verhält es sich mit Silber, das Bakterien tötet, deshalb auch in Form kleiner Partikel desinfizierend wirkt und unangenehme Gerüche vermeiden hilft. Der Nutzen für Verbraucher ist unbestritten, doch was ist mit den Gefahren?

Zu großzügig angewendet, kann Nanosilber die Bildung von resistenten Stämmen schädlicher Mikroorganismen begünstigen, wird befürchtet. Die staatlichen Risikoforscher vom BfR raten daher, auf den Einsatz der antibakteriellen Substanz in Kosmetika und anderen Produkten des Alltags zu verzichten.

Und was geschieht am Ende der Verwendungskette, wenn Nanopartikel etwa beim Duschen oder Baden ins Abwasser und schließlich über den Klärschlamm auf die Äcker gelangen? "Im Grunde müssen wir dem gesamten Lebenszyklus solcher Teilchen nachforschen", sagt Risikobewerter Mario Götz. "Gehen sie in die Erde oder in die Wurzeln? Und wie wirken sie auf die Wasserlebewesen?"

Weil die Erforschung der Risiken dem rasanten technischen Fortschritt hinterherhinkt, werden Nanopartikel von der sogenannten Naturkosmetik mit großem Argwohn betrachtet. So schließen die ökologischen Verbände Naturland und Demeter in ihren Produkten Nanopartikel zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus.

Nach wie vor gibt es aber auch Stimmen wie diese: "Es ist nahezu unmöglich, einen wirkungsvollen Sonnenschutz aufzubauen, der frei von Nano und gleichzeitig auch frei von chemischen UV-Filtern ist", hält Christian Rimpler den "ewigen Bedenkenträgern" entgegen. Der streitbare Chemiker führt in zweiter Generation die Dr. Rimpler GmbH mit Sitz in der Wedemark.

Das Unternehmen ist besonders stolz auf sein Know-how bei der Entwicklung von sogenannten Lipidnanopartikeln – einer Weiterentwicklung der Liposome. "Die Winzlinge sind nicht mehr aufzuhalten", prophezeit Rimpler. "Die Nanotechnik bietet so viele Produktvorteile, dass man garantiert nicht aufhören wird, sie zu erforschen."