Innovativ, dynamisch, phänomenal: Wer sich mit der Nanotechnologie beschäftigt, kommt ins Staunen. Die kleinen Teilchen mit der großen Wirkung begeistern nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Ökonomen. Ein Billionenmarkt wird prophezeit. Von einem Megatrend ist die Rede – und von unüberschaubaren Risiken. Die Frage, welche Gefahren von den wundersamen Winzlingen ausgehen, beschäftigt ein Heer von Wissenschaftlern. Doch das Puzzle ihrer Erkenntnisse ergibt kein geschlossenes Bild. Viele Fragen sind noch offen.

Den Fortschritt stört das nicht. Die enorme Innovationskraft bahnt sich unbeirrt ihren Weg. Fast keine Industrie kommt mehr ohne Nanotechnologie aus: Chemiekonzerne nutzen sie, ebenso wie Auto- und Maschinenbauer, aber auch Energie- und Umwelttechniken sollen durch Nano noch effizienter werden. Längst stecken Nanopartikel auch in Sprays, Cremes oder Socken, verhindern Gerüche, schützen vor Sonnenbrand, lassen Schmutz abperlen und halten Putzlappen oder Folien frei von Keimen.

Nanoteilchen sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen, selbst mit einem normalen Mikroskop kommt man ihnen nicht auf die Spur. Das änderte sich, als zwei IBM-Forscher 1981 das Rastertunnelmikroskop erfanden. Damit öffnete sich eine Tür in die bis dahin rätselhafte Nanowelt. Zu der gehört alles mit einer Größe zwischen 1 und 100 Nanometern. So jedenfalls hat es die Europäische Union definiert. Wie klein das ist, zeigt ein Vergleich: Ein Nanometer verhält sich zu einem Meter wie der Durchmesser einer Haselnuss zu dem der Erdkugel. Doch es ist nicht allein die Winzigkeit, die fasziniert. Es sind vor allem die völlig neuen Eigenschaften, die Material annimmt, wenn es minimiert wird und in den Nanokosmos wechselt. Das können Silber, Gold oder Titan sein, aber auch kleine Röhrchen aus Kohlenstoff, die bis zu 50-fach zugfester sind als Stahl.

Drei Billionen Dollar Umsatz könnten mit Nanotechnik 2015 erzielt werden

Das alles ist für die Industrie von großer Bedeutung. Internationale Prognosen besagen, dass der aus der Nanotechnologie erwachsene weltweite Umsatz im Jahre 2015 drei Billionen Dollar betragen könnte. Allein in Deutschland befassen sich rund 950 Unternehmen mit der Entwicklung und Vermarktung nanotechnologischer Produkte, Verfahren und Dienstleistungen. Ihr Umsatz schon heute: Rund 14 Milliarden Euro. Im Wettbewerb mit der Konkurrenz aus den USA und Asien stehen sie sehr gut da – ebenso wie Deutschlands Wissenschaftler. In rund 700 Forschungseinrichtungen beschäftigen sich Wissenschaftler hierzulande mit der Nanotechnologie.

Herausgekommen sind bislang bemerkenswerte Dinge – auch für die alltägliche Praxis; etwa im Supermarkt. Kommen dort sogenannte Thermo-Label auf der Verpackung zum Einsatz, dann messen deren winzige Sensoren, ob das Produkt etwa zu warm geworden ist. Die Label verändern dann ihre Farbe – und warnen die Verbraucher, dass die Kühlkette nicht funktioniert hat.

In Akkus können die Winzlinge dafür sorgen, dass sie sich ohne Kapazitätsverlust häufiger aufladen lassen. Da Silber gegen Mikroorganismen wie Bakterien und Schimmel wirkt, werden unter anderem Kühlschränke angeboten, bei denen die Innenräume mit Silberpartikeln beschichtet sind. Auch in manchen Wandfarben und Tapeten steckt bereits Nanosilber. Selbst in Sprays für die antibakterielle Behandlung von Oberflächen, Textilien oder Schuhen können die Partikel ihre Wirkung entfalten.

Die Experten sind sich einig: So vielfältige Möglichkeiten bietet eine neue Technologie selten. Superchancen also – wären da nicht die vielen ungeklärten Fragen zu den Risiken. Politiker, Wissenschaftler und Verbraucherschützer haben große Wissenslücken ausgemacht. Doch die ersten Bedenken kamen ausgerechnet aus der Wirtschaft selbst: Versicherungskonzerne meldeten sich zu Wort.

Schon vor fast zehn Jahren zeigte sich der weltgrößte Rückversicherer, die schweizerische Swiss Re, besorgt. Es deute einiges darauf hin, "dass gewisse Nanomaterialien das Potenzial haben, gesundheitliche Schäden hervorzurufen", hieß es damals in einem Report. Auch die deutsche Allianz konstatierte eine Lücke zwischen der dynamischen Entwicklung und dem Wissen über mögliche Gefahren. Fünf Jahre später stellte ein Gremium der großen Risikoversicherer in einem Papier erneut fest, dass die kommerzielle Nutzung der neuen Technologie rapide zunehme, während das Management der möglichen Gefahren hinterherzuhinken scheine.

Heute klingt das nicht viel anders: Die Effekte der Nanotechnologie, die sich erst mit Verzögerung zeigten und die mit Unsicherheit behaftet seien, stellten eine große Herausforderung für die Assekuranz dar, heißt es bei Swiss Re. Und Michael Bruch, Nanoexperte bei der Allianz, schätzt die Lage so ein: "Wir können unbeabsichtigte Langzeiteffekte im Zusammenhang mit Gesundheit und Umwelt nicht ausschließen." Die meisten Produkte schienen zwar sicher zu sein, so Bruch, aber es gebe auf etliche Fragen "noch keine klaren Antworten".