Nick Clegg ist der Vizepremier Großbritanniens, und er ist ein Außenseiter. "Ich bin ein Pro-Europäer", erklärte er kürzlich in einer Grundsatzrede, in der er für den Verbleib der Briten in der Europäischen Union warb. Europa mache Großbritannien "reicher, stärker, sicherer und grüner". Auf der Insel ist das eine steile These, und niemand vertritt sie so eindeutig, leidenschaftlich und mit so handfesten Argumenten wie Nick Clegg. Der Vizeregierungschef ist ein politischer Sonderling.

Als wäre es Absicht, hängt auch Cleggs Foto in der National Portrait Gallery in einem abgeschiedenen Raum, weit weg von den Besucherströmen. Das Museum versammelt die Porträts der britischen Elite aus fünfhundert Jahren. Die Aufnahme von Clegg entstand im Mai 2009, als er bereits Parteichef und Fraktionsführer der Liberaldemokraten im Unterhaus war. Er trägt ein weißes Hemd mit offenem Kragen, sitzt auf einem Sofa in seinem Wohnzimmer, lehnt sich vor, beide Arme auf den Knien ruhend, die Hände gefaltet. Er versucht, sich dem Betrachter zu nähern und offen zu erscheinen für die Sorgen der Bürger.

Er könnte zum Establishment gehören, hat sich aber anders entschieden

Ein Jahr später, im Mai 2010, waren die britischen Liberalen zum ersten Mal seit 1922 an der Regierung beteiligt. Nick Clegg brach das etablierte Zweiparteiensystem auf, wurde zum Königsmacher und entschied sich für eine Koalition mit David Cameron und den Konservativen.

Der Mann, der das britische Establishment so offen herausfordert, blickt auf dem Foto in der National Portrait Gallery sehr müde. Es ist nicht nur das schlaflose Familienleben des damals 42 Jahre alten Oppositionspolitikers, der drei kleine Söhne hat, das ihn erschöpft aussehen lässt. Es ist die wissende Müdigkeit eines Mannes, der sich auf einen Kampf eingelassen hat. Denn Clegg könnte dazugehören, zum Establishment, er könnte sein wie Premier David Cameron, er hat sich nur anders entschieden.

Die Cleggs waren wohlhabende Leute, der Vater ein erfolgreicher Banker, mit einem Schlösschen in Frankreich und einem Chalet in der Schweiz. Nick und seine drei Geschwister konnten die besten Privatschulen besuchen, und zum Studium ging er natürlich nach Cambridge. Bevor er 1998 als Europaabgeordneter für die Liberaldemokraten in die Politik einstieg, beschäftigte er sich an der Universität von Minnesota mit der Denkschule der Tiefenökologie, einer esoterischen Naturphilosophie, die nach dem Einklang von Mensch und Natur strebt. Er arbeitete als Journalist in New York und in London für die Financial Times, und er koordinierte mehrere Jahre lang als Beamter in Brüssel EU-Finanzhilfen für die ehemaligen Sowjet- und Ostblockstaaten.

Für die Arbeit im Apparat der EU entschied Clegg sich, weil er nach dem Fall der Mauer "voller Hoffnung war, dass Politik nun nicht mehr das dunkle Geschäft des Kalten Krieges bedeutete, sondern etwas Zuversichtliches bekam". Seine Abteilung arbeitete Anfang der neunziger Jahre daran, die Verkehrsverbindungen von Zentralasien nach Europa zu verbessern. Für Normalbürger könnte das Akronym Traceca (Transport Corridor Europe–Caucasus–Asia) für alles Schlechte der EU stehen, für Verwaltung, Vorschriften, Gängelei. Für Clegg ist es ein Beweis für den Erfolg des Binnenmarktes. "Dass eine Handvoll Bürokraten in Brüssel sich hinter eine Sache klemmen und etwas erreichen können, das die Wachstumschancen von mehr als 500 Millionen Menschen verbessert, ist einfach erstaunlich und der beste Beweis dafür, dass die paneuropäische Idee schlicht und einfach ökonomisch sinnvoll ist."

Clegg begreift Europa als Großbritanniens "kulturelles und intellektuelles Hinterland", wie er sagt. Auch weil sich in seiner eigenen Familiengeschichte das apokalyptische Chaos des vergangenen Jahrhunderts spiegelt. Seine Vorfahren lebten in Deutschland, Polen und der Ukraine. Seine russische Großmutter begab sich mithilfe von Maxim Gorki auf die Flucht vor der russischen Oktoberrevolution in die Niederlande und verbrachte den Zweiten Weltkrieg mit ihren Kindern teilweise in einem japanischen Kriegsgefangenenlager in Indonesien. Clegg spricht vier Fremdsprachen fließend: Niederländisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Seine Frau, Miriam González Durántez, eine Anwältin in London, hat sich nie um die britische Staatsbürgerschaft bemüht, geschweige denn ihren spanischen Pass abgegeben.

Cleggs Sozialliberalismus ist, wenn man so will, das Ergebnis seiner intellektuellen und geografischen Wanderschaft.

Auch in dem Porträt findet sich dieser kulturelle Horizont. Über dem Sofa an der Wand hängen zwei kleine Stiche mit Stierkampfszenen, daneben eine Gruppe von vier Bildern in opulenten niederländischen und französischen Goldrahmen, die durch eine Lampe im schlichten dänischen Design der 1970er Jahre beleuchtet werden. Es soll ausdrücken, wie sehr "das Fremde" ein Teil seiner Identität ist.

David Cameron hatte es in seiner Jugend ebenso gut wie Nick Clegg. Seine Vorfahren gehörten zum niederen Adel, und sein Vater war ein reicher Banker. Er besuchte Privatschulen, studierte in Oxford und landete wie selbstverständlich bei den Konservativen. So selbstverständlich wie Oppositionsführer Ed Miliband die Lehren der Labour-Partei mit der Muttermilch aufsog. Dessen Vater war ein prominenter marxistischer Intellektueller und Soziologe.

"Politisch 'zu Hause' zu bleiben, sich bei der Karriere auf altvertraute Prinzipien zu verlassen, ist nicht zuletzt deswegen besonders typisch in der britischen Politik, weil das Klassensystem so ausgeprägt ist", sagt der Autor einer Cameron-Biografie, Kieran O’Hara. "Der sozioökonomische Hintergrund bestimmt den politischen Clan, zu dem man gehört. Genau wie der Geburtsort darüber entscheidet, mit welcher Fußballmannschaft man sich identifiziert."

In dieser politischen Kultur ist Nick Clegg eine Ausnahmeerscheinung. Er pflegt keine Traditionen, er redet nicht viel von Empire und Commonwealth, sondern denkt nüchtern und spricht von Handelsbeziehungen: "Wir brauchen Europa. Nicht nur weil die EU mit Abstand unser wichtigster Handelspartner ist. Der Rest der Welt sieht uns als Teil des Binnenmarktes. Deswegen investieren japanische Autohersteller in britische Produktionsanlagen."