Vor gut zwei Wochen wurde die Sache festgezurrt: Auf einer außerordentlichen Generalversammlung beschlossen die Aktionäre der Noble Corporation, dass man die Zelte in der Schweiz abbrechen wird. Und jetzt schon, in diesen Tagen, fahren die Umzugs-Camions an der Dorfstraße 19 in Baar vor und bringen Möbel und Material weiter nach London. Der Erdöl-Bohrmulti mit 7.600 Beschäftigten und gut 3,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz zügelt wieder einmal seinen Hauptsitz. Konzernchef David W. Williams hatte das Anliegen seinen Aktionären mit Londons Bedeutung als Wirtschafts- und Reisezentrum erklärt, "verbunden mit einem gut etablierten Steuerregime".

Es ist ein kurzes Gastspiel gewesen. Die Noble Corporation ist im Herzen ein texanischer Konzern, der ein unstetes Leben führt. War er einmal im amerikanischen Steuerparadies Delaware registriert, hatte er seinen Sitz seit 2002 auf den Cayman Islands und war dann, erst im Frühjahr 2009, aus der Karibik in den Kanton Zug gezogen. Was derselbe David W. Williams damals mit dem stabilen wirtschaftlichen und finanziellen Umfeld in der Schweiz begründet hatte "sowie mit deren gut etabliertem Steuerregime". Was hat sich seitdem geändert, dass man meint, schon wieder umziehen zu müssen?

Auf den ersten Blick nichts. Weder hat die Stabilität der Schweiz nennenswert gelitten, noch legte Londons Bedeutung als Wirtschaftszentrum dramatisch zu. Aber "das gut etablierte Steuersystem", um nochmals Williams zu zitieren, verbesserte sich auf der einen Seite durchaus. Die Regierung von David Cameron hatte auf Jahresbeginn die Unternehmensteuern nochmals gesenkt, sodass London heute mit einem Satz von 23 Prozent aufwartet und wohl bald den niedrigsten Stand bieten wird, der in westeuropäischen Industrieländern zu bekommen ist – Zug inklusive. Denn bis 2015 sollen nochmals drei Prozentpunkte von der Steuerlast wegfallen. Auf der anderen Seite bestreitet selbst die Regierung in Bern nicht mehr, dass beispielsweise die sogenannten kantonalen Holding-Privilegien, welche ausländisch beherrschten Firmen eine tiefe Steuerbelastung anbieten, abgeschafft werden müssen; die Frage ist höchstens noch, wie sich das umsetzen lässt.

Das Machtwort der EU ist in dieser Frage jedenfalls deutlich und unumkehrbar, wobei gerade die Briten mitdrängen. Und es war just auch David Cameron, der in den letzten Monaten als Ritter der Steuergerechtigkeit durch die Welt zu ziehen pflegte; zum Beispiel bei seinem Auftritt auf dem World Economic Forum in Davos oder beim G-8-Treffen im Juli, wo sich der Mann aus London dafür starkmachte, dass die Steuerschlupflöcher für internationale Konzerne gestopft werden: Es sei Aufgabe der westlichen Industriestaaten, dabei die Führung zu übernehmen.

Man kann nun männiglich über politische Doppelzüngigkeit jammern. Das Hin und Her der Noble Corporation legt allerdings einen entscheidenden Kern der Sache offen. Erstens zeigt sich, dass der fiskalische Honig auch in einer vermeintlich neuen Steuer-Welt das wichtigste Lockmittel bleiben wird, um internationale Konzerne ins Land zu holen – Politikersprüche hin oder her. Und zweitens sind viele große Unternehmen bereit, ihre Fahne nach diesem Wind zu richten – Managersprüche hin oder her. Wie die Wirtschaftsagentur Bloomberg jüngst meldete, verlagerten vergangenes Jahr 45 Konzerne ihren Haupt- oder Regionalsitz nach London, knapp doppelt so viele wie drei Jahre zuvor.

Fast zeitgleich mit der Noble Corporation waren damals, 2009 und 2010, noch eine ganze Reihe von mittleren und großen Konzernen aus Nordamerika in die Schweiz gezogen, darunter die Energie- und Erdöl-Schwergewichte Transocean und Weatherford. Die einfliegenden Chefs lobten jeweils – neben dem "etablierten Steuersystem" – auch brav allerlei Stärken der Schweiz, etwa die zentrale Lage oder die Tatsache, dass gerade in der Energiebranche hier ein neues Zentrum entstanden sei. Der Abgang von Noble Corporation lässt nun allerdings ahnen, dass damals schließlich und endlich doch nur unternehmerischer Flugsand ins Land gelangt sein könnte. Rasch angelockt, leicht weggeködert.