Als im Sommer die ersten Details über amerikanische Spionageangriffe auf Brasilien bekannt wurden, als vom Anzapfen des Telefons der Präsidentin Dilma Rousseff und vom Aushorchen des nationalen Ölkonzerns Petrobras die Rede war, reagierten manche Politikbeobachter in Brasília mit Zynismus: Das sei das Beste, was Dilma passieren könne. Denn damals brannten die Straßen, zogen Hunderttausende empörte Brasilianer durch die Innenstädte der Metropolen, wütend auf die Regierung und das ganze politische System. Was konnte sich zur Ablenkung besser eignen als ein nationaler Schulterschluss gegen einen äußeren Feind?

Die Präsidentin und ihre Administration waren aber tatsächlich tief erschüttert von der Spionage der NSA. In Brasilien ist die Vergangenheit, in der die USA Lateinamerika als ihren Hinterhof betrachteten, in der sie ihre Geheimdienste Militärputsche organisieren ließen und Schreckensregime unterstützten, nicht vergessen. Die Präsidentin verschob einen Besuch bei Barack Obama auf unbestimmte Zeit, reiste aber zur Generalversammlung der Vereinten Nationen, um die Spionageaktivitäten zu geißeln.

Inzwischen strebt Brasilien gemeinsam mit Deutschland eine UN-Resolution an, die den Schutz der Privatsphäre im Internet verbessern soll – gegen den absehbaren Widerstand der USA. Brasiliens internationale Netzpolitik ist mehr als emotionaler Protest: sie soll die "Internet Governance" der Monopolherrschaft der Amerikaner entreißen. Wenn Deutschland und andere Europäer mitmachen, umso besser – sonst wird man das Projekt mit anderen Schwellenländern betreiben; auch Russland und China lehnen ja die Übermacht der Amerikaner im Internet ab.

Die Strategie der Brasilianer zerfällt dabei in zwei Teile: internationale Diplomatie und eine größere nationale Autonomie in Internetfragen.

Dass die Amerikaner zu ihrem eigenen Vorteil spioniert haben und nicht bloß zur Abwehr globaler Terrorgefahren, ist am Beispiel Brasiliens besonders klar zu erkennen: Terrorismus hier nun wirklich kein Problem. Stattdessen deuteten Informationen aus einer anderen Quelle – der Geheimnisverräter-Plattform WikiLeaks – zuletzt auf ganz andere Interessen der Amerikaner hin: Diplomatischen Mitteilungen der Amerikaner war zu entnehmen, dass sie die schnellen Fortschritte Brasiliens bei der Aufrüstung und in der Entwicklung von Hochtechnologie mit Sorge betrachten. Brasilien hat immerhin inzwischen Atom-U-Boote, baut Anreicherungsanlagen für Kernbrennstoffe, entwickelt Hightech für Ölbohrungen in tiefer See, beheimatet den zivilen und zunehmend militärisch bedeutsamen Aerospace-Riesen Embraer.

Jetzt sollen erst mal die Computernetze in Brasilien etwas abhörsicherer werden. Dilma Rousseff hat die Anweisung erteilt, große Teile des nationalen Internets den Amerikanern zu entreißen – wo immer das technisch möglich ist. Sie will Unterseekabel legen lassen, damit Internetverbindungen nicht mehr ganz so häufig durch die USA führen; auch die passenden Internet-Switches sollen in Brasilien stehen.

Google und andere Firmen, die im großen Stil Daten brasilianischer Kunden sammeln, sollen dazu gezwungen werden, diese ausschließlich in Datenzentren auf brasilianischem Boden zu speichern, damit ihr Schutz unter brasilianisches Recht fällt. Die Firma Microsoft darf künftig nicht mehr ihr E-Mail-Programm Outlook an brasilianische Behörden ausliefern, stattdessen geht im November ein nationales E-Mail-Programm namens Expresso an den Start.