Warum eigentlich wird die deutsch-amerikanische Freundschaft ausgerechnet in dem Moment beschworen, da herauskommt, dass die NSA das Handy von Angela Merkel abgehört hat? Woher kommt all die Empörung, die nun hochschießt, "so etwas" tue man nicht "unter Freunden"? Der Satz, in dem die Verletztheit eines enttäuschten Liebenden mitschwingt, suggeriert ja, es habe alles zum Besten gestanden zwischen Washington und Berlin, und in diese Harmonie krache nun der Vertrauensbruch wie eine Blutgrätsche.

Aber stimmt das? War die Freundschaft noch so innig? War sie uns nicht zuletzt ziemlich egal geworden, gab es nicht vor allem nüchterne Arbeit, routinierte Symbolik, bisweilen gereizte Interessengegensätze? Wer an den Besuch des US-Präsidenten im Sommer in Berlin zurückdenkt, der wird sich auch an die leise Enttäuschung erinnern, dass da eigentlich nichts Außergewöhnliches mehr war, dass sogar die Zauberkraft des Rhetors Obama versagte und alle Verweise auf den historischen Ort am Brandenburger Tor irgendwie hohl klangen.

Natürlich, der digitale Einbruch der Amerikaner ins Innerste des deutschen Staates ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Was dazu gesagt werden muss, das hat der bedächtige Historiker Fritz Stern vielleicht am deutlichsten formuliert, jedenfalls am eindrucksvollsten. Der bald Neunzigjährige, der vor den Nazis nach Amerika geflohen ist, sich aber sein Leben lang mit deutscher Geschichte beschäftigt hat, nannte den Lauschangriff auf das Handy von Angela Merkel einen "ungesetzlichen, törichten, kriminellen Akt", er sprach vom verbrecherischen Leichtsinn höchster Stellen, der das Vertrauen zu zerstören drohe, das in Jahrzehnten nach dem Krieg aufgebaut worden ist.

Mag sein, dass der Streit um Deutschlands Nein zum Irakkrieg heftiger war, dass das Zerwürfnis damals tiefer ging und noch länger, giftiger nachwirkte. Viele Akteure in Berlin und Washington beteuern das jetzt, und es klingt fast ein wenig beschwörend, als seien sie nicht ganz sicher. Charles Kupchan etwa, Professor an der Georgetown University, einer der besten Kenner der transatlantischen Beziehungen, sagt: "Der Abhörskandal wird kein Wendepunkt in den gegenseitigen Beziehungen sein." Im Irakkrieg sei es um Krieg und Frieden gegangen. "Amerikaner und viele Europäer hatten damals das Gefühl, dass ihre jeweiligen Sicherheitsinteressen im Kern nicht mehr übereinstimmten." Beim Abhörskandal hingegen seien sich Amerikaner und Europäer über das Ziel einig: Gemeinsam wollten sie dem Terrorismus Einhalt gebieten. Unterschiedlicher Meinung seien sie nur darüber, welche Methoden dafür zulässig seien. "Das sind keine fundamentalen Unterschiede."

Aber diese Interpretation ist eine Verharmlosung dessen, was in Berlin geschehen ist. Das Abhören von Merkels Handy ist nicht ein Versehen, das bei der Bekämpfung eines gemeinsamen Feindes geschehen ist. Der US-Geheimdienst hat die Bundeskanzlerin vielmehr behandelt, als sei sie selbst ein Feind. Eben deshalb markiert "Handygate" einen fundamentalen Einschnitt. Wie ein Blitz haben die jüngsten Enthüllungen die Lage der deutsch-amerikanischen Beziehungen in ein helles, überscharfes Licht getaucht. Und was wir da zu sehen bekommen, schaut nicht gut aus. Das, was einmal die deutsch-amerikanische Freundschaft hieß, ist nur noch eine Erinnerung, eine politische Beschwörungsformel, der die inhaltliche Substanz weithin abhanden gekommen ist, mitunter sogar staatspolitische Heuchelei. Das freilich liegt nicht allein an der Dreistigkeit der Amerikaner, an der Rücksichtslosigkeit der letzten Supermacht, die mit ihrem eigenen Niedergang ringt. Das liegt auch, und nicht weniger, an uns Deutschen.

Wann denn, so könnte man fragen, haben wir uns zum letzten Mal wie Freunde verhalten, wie echte Freunde, die nicht lange zögern, sondern helfen? Das ist, recht betrachtet, lange her. Vor mehr als zehn Jahren war das, in Afghanistan, weil wir mussten, weil gleich nach dem 11. September 2001 gar keine andere Haltung gegenüber der einstigen Schutzmacht denkbar war als mitzumarschieren. Danach aber hat die Bundesrepublik keine Gelegenheit ausgelassen, sich von den USA (und einer Reihe anderer Verbündeter) abzusetzen, im Irakkrieg, bei der Intervention in Libyen, in der Debatte um ein Eingreifen in Syrien.

Zu welch tiefem Misstrauen das in der Obama-Regierung geführt hat, zeigte anschaulich der G-20-Gipfel in Sankt Petersburg Anfang September. Dort warteten die Amerikaner, bis Merkel abgereist war, und brachten dann Spanier und Italiener dazu, eine Erklärung zu unterzeichnen, in der dem syrischen Diktator Baschar al-Assad Konsequenzen wegen seines Giftgaseinsatzes angedroht wurden. Merkel hatte die Europäer davon abhalten wollen, bis man eine einheitliche europäische Linie gefunden habe.