Zwei Themen erregen die Deutschen. Dies meldete am Montag das ZDF- Morgenmagazin. Erregung Nummer eins, das Phantom-Tor von Bayer Leverkusen, wurde dann alsbald vom Sportgericht des Deutschen Fußballbunds erledigt. Die zweite Erregung, den NSA-Skandal, hatte Angela Merkel schon im Sommer für beendet erklärt. Trotzdem – oder deshalb? – gewann sie haushoch die Wahl, mit der nirgends plakatierten Maxime: Ich denk nicht dran, weil ich’s nicht ändern kann.

Jetzt soll ich mich echauffieren, weil auch diese Bundesbürgerin abgehört wurde? Gespräche über Merkels Handy bezeugen allgemeine Schadenfreude – und Erleichterung. Nun endlich, hofft man, nimmt die Kanzlerin die Sache ernst. Derzeit pausiert Angela Merkels Vasallen-Opportunismus, ihr FDJ-haftes Reden von "unseren Freunden". Längst schämt man sich der amoralischen Ignoranz, mit der regierungsoffiziös "die westliche Wertegemeinschaft" betoniert wird, als stün-de Deutschland für Todesstrafe, Drohnenkrieg, Waffenwahn und Folter.

Aus nahendem Anlass beschäftigt mich Willy Brandt. Am 18. Dezember ist der 100. Geburtstag dieses wahrhaftigen Jahrhundert-Deutschen, dessen Lebensspanne vom Kaiserreich bis hinter den Mauerfall reicht. Brandts aufregendstes Buch, 1946 im Osloer Exil auf Norwegisch geschrieben, gab es bis 2007 nicht einmal auf Deutsch. Förbrytere og andre tyskere heißt es, Verbrecher und andere Deutsche. Ein 32-jähriger Hitler-Bekämpfer zeichnet das zertrümmerte, besetzte Nachkriegsdeutschland. Dessen Zukunft steht offen, doch der Autor warnt bereits vor einem Zerwürfnis der Siegermächte. Viel später, in seinen Memoiren, beschrieb Brandt ein Unglück: die bundesrepublikanische Trotz-Fiktion, im westdeutschen Staat bestünde das Deutsche Reich fort. Das führte zur Bonner Alleinvertretungsanmaßung, zur Ignoranz des "Phantoms" DDR, zur freiheitspathetisch verbrämten Restauration, zur Hybris eines teildeutschen Staatswesens, das sich für Deutschland hielt. In Wahrheit blieb es, wie die DDR, ein Mündel seiner Supermacht – mental bis heute. Der alte Brandt warf sich vor, dass er zum Vietnamkrieg geschwiegen hatte, aus Bündnistreue zu den USA.

Solcher Reue würde der bisherige Innenminister Hans-Peter Friedrich vermutlich "Antiamerikanismus" unterstellen. Vielleicht ändert sich nun etwas, hoffentlich gar der Name des Ministers. Ich aber freue mich aufs Jazzfest Berlin und gedenke des deutschen Jazz-Papstes Joachim-Ernst Berendt. Der verkündete schon vor Jahrzehnten, Musik, nicht Politik, sei Amerikas frohe Botschaft an die Welt.