ZEITmagazin: Frau Eckertz-Höfer, Sie sind die erste Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts. War es je Ihr Ziel, so weit zu kommen?

Marion Eckertz-Höfer: Nie! Angefangen habe ich als Zivil- und Strafrichterin. Dann ging ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin zum Bundesverfassungsgericht, zum wirklich allerhöchsten Gericht, und stellte fest, da wird ebenfalls nur mit Wasser gekocht, wenn auch mit sehr edlem. Ich kam da gut mit, und so schloss ich nicht aus, auch einmal in einer höheren Instanz zu arbeiten. Aber Präsidentin? Das war jenseits meiner Vorstellungskraft.

ZEITmagazin: Was sind eigentlich die Aufgaben des Bundesverwaltungsgerichts?

Eckertz-Höfer: Wir sind sozusagen die kleine Schwester des Bundesverfassungsgerichts. Letzteres kann Gesetze für verfassungswidrig erklären und hat mehr politischen Einfluss. Wir entscheiden, ob Bundesrecht verfassungsrichtig ausgelegt und angewendet wurde. Großes Presse-Echo hatte zum Beispiel der "Fall Mehmet". Der damals strafunmündige 14-jährige Mehmet wurde nach wiederholten Straftaten von den bayerischen Behörden in die Türkei abgeschoben. Das war rechtswidrig. Er durfte wieder zurück. Die Bild-Zeitung erklärte mich für verantwortlich, obwohl wir zu fünft entschieden hatten, und veröffentlichte quasi meinen Steckbrief. Daraufhin bekam ich Morddrohungen. Auch Briefe mit mehlartigem Pulver, da sollte man wohl an diese Milzbrandfälle denken. Es war aber in der Tat nur Mehl. Und der Wortlaut in den Briefen! Gegenüber Frauen kommen da gerne Drohungen unterhalb der Gürtellinie. Die kann man gar nicht wiederholen.

ZEITmagazin: Sie sind Juristin geworden, stammen aber aus einer Künstlerfamilie. Wie fand Ihr Vater das?

Eckertz-Höfer: Oh, das hat ihn getroffen, denn er wollte lieber, dass ich ebenfalls Kunst mache. Aber er gewöhnte sich daran, und irgendwann sagte er: Na gut, es muss ja auch jemand geben, der die Bilder bezahlen kann, die andere Leute malen.

ZEITmagazin: Waren Sie ein Vaterkind?

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Eckertz-Höfer: Ein absolutes Vaterkind! Meine Mutter war extrem schwierig. Bei ihr wusste man nie: Wie wird der nächste Tag, und ist das Donnerwetter, das heraufzieht, mit den Mitteln eines Kleinkindes noch zu bewältigen? Sie war das beunruhigende Moment und mein Vater das stabilisierende – er war derjenige, der sich immer sorgte und mir auch alles zutraute, was vielleicht für Töchter nicht ganz unwichtig ist. Ich habe meine Kindheit als extrem anstrengend erlebt, aber dafür wuchs auch das Gefühl, dass das Leben bewältigbar ist. Es kommen im Leben immer Momente, in denen man denkt: Oh, schaffe ich das? Und dann erinnere ich mich an die schweren Zeiten und denke: Ach, locker! Wer diese Kindheit überstanden hat, der übersteht alles. Für ein Kind besteht die Welt entweder aus einstürzenden Mauern, oder sie ist gerade und geordnet. In meiner Familie war wenig geordnet.

ZEITmagazin: Aber Sie haben etwas studiert, was zumindest den Rahmen für eine gewisse Ordnung bietet.

Eckertz-Höfer: Als Tochter eines Künstlers hatte ich auch immer im Blick, dass diese wohlgeordnete Welt der Paragrafen Raum lässt für Kreativität. Ein Jurist ohne Ideen ist kein guter Jurist. Man liest nicht nur das Gesetz und wendet es irgendwie an, sondern man muss wirklich überlegen: Wie schafft man Gerechtigkeit? Gerechtigkeit, die dem Gesetzgeber gerecht wird, dem europäischen Gesetzgeber und dieser ganz konkreten Person, die vor einem steht.