Die Autorin Gisela Stelly war die vierte Ehefrau von Rudolf Augstein und lebte 25 Jahre an seiner Seite. Der gemeinsame Sohn, Julian Robert, bildet zusammen mit seinen drei Halbgeschwistern die Erbengemeinschaft, die 24 Prozent am "Spiegel" hält. Stelly setzt sich nun mit dem Sprecher der Erbengemeinschaft, Jakob Augstein, auseinander. Erst nach dem Tod des "Spiegel"-Gründers war bekannt geworden, dass Jakob Augstein der Sohn des Schriftstellers Martin Walser ist. Stelly fragt, ob Augstein über die Vaterschaft getäuscht worden sei. Sie kritisiert auch die Berufung eines "Bild"-Journalisten in die Chefredaktion des "Spiegels". Die ZEIT veröffentlicht diesen "Cri de cœur", weil es dabei nicht nur um einen klassischen Familienzwist geht, sondern um einen leidenschaftlichen Meinungsbeitrag zu den Verwerfungen in einem der großen Blätter der Republik.

Am 4. November 1996, im überfüllten Hamburger Michel, begann Rudolf Augstein seine Rede an den Freund Henri Nannen mit den Worten: "Lieber Henri, du bist nicht anwesend – aber du bist da!" Es ging ein Raunen durch den riesigen Kirchenraum ob dieser Anrufung des verstorbenen stern- Erfinders durch einen bekanntermaßen Ungläubigen. Rudolf Augstein hatte wie kaum ein anderer Zeitungsmacher der Nachkriegszeit mit Werten wie Vernunft und Wahrheit gehandelt. "Ich will es wagen, lachend die Wahrheit zu sagen", zitierte er, als ich ihn kennenlernte, öfter Grimmelshausen, den Autor des Simplicissimus.

Was auch immer Rudolf Augstein damals dazu bewogen haben mochte, sein neunzigster Geburtstag ist ein schöner Anlass, sich vorzustellen, dass er selbst, obwohl abwesend, an diesem Tag, am 5. November 2013, "da" ist und seine Familie besucht. Ich kenne seine Familie seit dem Sommer 1967, als ich bei der ZEIT ein Praktikum begann. Um dann später mit unserer gemeinsamen Familie ein Teil davon zu werden. Und so stelle ich mir vor, wie sich der Jubilar anlässlich seines Besuchs zu seinem Neunzigsten nach alter Gewohnheit erst einmal über seine Lieben informiert.

Natürlich mithilfe des Augstein-Archivs. Dort erhält er allerdings zunächst, anstatt über seine Lieben, seine vier Kinder und die drei noch lebenden Frauen, neue Informationen über sich selbst: Er soll bindungsunfähig gewesen sein, behauptet eine viel zitierte, ihm bisher unbekannte Biografie. Das sagt man ausgerechnet von ihm, dem es überaus schwerfiel, sich auch nur von einer seiner Frauen, trotz Trennung und Scheidung, dann tatsächlich zu lösen? Ein abwesender Vater soll er gewesen sein. Auch das sagt man ausgerechnet von ihm, der seine Kinder immer um sich haben wollte? Hat er nicht um die beiden mittleren gekämpft, um jedes Wochenende, jede Ferienzeit, jeden einzelnen Tag?

Wie groß aber muss sein Erstaunen sein, als er davon liest, dass er seinem Ältesten inzwischen nur noch gesetzlicher Vater ist. "Wie das?", höre ich ihn staunend ausrufen, "wie kann ich gesetzlicher Vater sein, wenn ich nicht der leibliche Vater bin, wo ich doch gesetzlicher Vater geworden bin, weil ich der leibliche Vater war?" Hat er nicht schlussendlich die Mutter seiner Kinder geheiratet, aus Liebe zu seinen Kindern und weil es die Moral verlangte?

Wie wird ihm jetzt wohl zumute sein? Ähnlich wie mir, als ich aus der Zeitung die Geschichte von den zwei Vätern erfuhr?

Für den Neunzigjährigen muss der Verlust viel größer sein. Einen leiblichen Sohn zu verlieren ist ein viel tieferer Schmerz. Er muss ihm den Atem nehmen, vielleicht sogar für kurze Zeit den Verstand. Obwohl: Er lässt sich von niemandem den Verstand rauben. Auch nicht von jenem Mann, der ihm seinen leiblichen Sohn verschwiegen hat, bis zum Schluss. Der im Verborgenen geblieben ist und von dem nun auch noch behauptet wird, er sei in einer langen Freundschaft sein Freund gewesen.

Aus einer Boulevardzeitung muss er dann auch noch erfahren, es habe, laut der Mutter, eine Verabredung zwischen den Beteiligten gegeben, die wahre Vaterschaft zeitlebens geheim zu halten, und dass er als einer der Beteiligten gelte. Da zweifelt der Jubilar nun doch am Verstand, wenn auch an dem der tatsächlich Beteiligten. Wieso hätte er mit der Mutter um diesen Sohn vor Gericht streiten können, wenn doch die Nennung des wahren Vaters, Martin Walser, das Gericht ohne Zweifel veranlasst hätte, die Akte Augstein gegen Augstein sofort zu schließen? Und wieso hätte er den leiblichen Sohn von Martin Walser nicht nur zu seinem Erben, sondern, herausgehoben, auch noch zum Sprecher der Erbengemeinschaft seiner Kinder bestellen sollen? Dann hätte er ja auch seine eigenen leiblichen Kinder zeitlebens getäuscht.

Vielleicht erinnert sich der Neunzigjährige jetzt, wie er die Ähnlichkeit zum eigenen Vater Friedrich bemerkte, erst beim Heranwachsenden, dann auch beim Erwachsenen. Ein echter Augstein, sein Sohn Jakob, dem Friedrich Augstein wie aus dem Gesicht geschnitten, hatte er gesagt. Hat er sich so sehr getäuscht? Bei weiteren Nachforschungen im Archiv erkennt er ihn dann allerdings kaum wieder, den Bescheidenen, den Vernünftigen, den in stiller Weise Verantwortlichen, dem er die Position des stillen Mitgesellschafters zutraute, anvertraut hat. Darüber, seit wann er für ihn nur gesetzlicher Vater ist, äußert er sich unterschiedlich. Seit wann wusste er es wirklich?

"Verrat!", müsste der Neunzigjährige nun endlich ausrufen, wenn er dann aus den Zeitungsberichten erfährt, wie nun der Sohn, der nicht sein leiblicher Sohn ist, mit seinem Vermächtnis umgeht. Wie dieser sich mit dem stellvertretenden Chefredakteur der Bild-Zeitung eingelassen hat, deren Anliegen gewiss nicht vor allem Aufklärung und Vernunft sind, sondern deren Geschäft auch die Bestätigung von Vorurteilen und Ressentiments ist. Ist damit diesem Geist nicht Tür und Tor zu seinem Haus geöffnet? Soll er sich darüber die Haare raufen und in Umnachtung fallen wie in einem Shakespeare-Drama? Oder vielleicht doch besser die berühmte Frage stellen: Was tun? Aber was kann ein Verstorbener denn schon tun?

Nun, er kann sich in Erinnerung bringen! Und tatsächlich hat er das ja auch bereits getan. Denn die umstrittene Bestellung von Nikolaus Blome, dem stellvertretenden Chefredakteur der Bild-Zeitung, zum stellvertretenden Chefredakteur des Spiegels hat im Haus zu heftigem Protest geführt und eine große Anzahl Mitarbeiter geeint. Seither scheint der Geist des Herausgebers durch das neue Verlagsgebäude zu wehen und jede Ausgabe wie seit Langem nicht mehr zu prägen: Er ist, wenn auch nicht anwesend, immer noch "da"! So bleibt uns, dem neunzigjährigen Jubilar zu wünschen, dass sein Geist lebendig bleibe und sich mehr denn je in Erinnerung bringe.