Während in Hamburg, im Schauspielhaus, gerade ein schweres Metallgewicht die Bühne durchschlug und die für Mitte November geplante Wiedereröffnung des Hauses auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss, haben sie es in Stuttgart endlich, nach jahrelangen Pannen, Baufehlern und politischem Streit geschafft, ihr Theater, frisch renoviert, zu eröffnen. Und einen neuen Intendanten haben sie auch; Armin Petras, vom Berliner Gorki-Theater gekommen und von der Stuttgarter Zeitung bezeichnet als "Rockstar des neuen deutschen Theaters".

Armin Petras hat einmal gesagt, es gebe für ihn keine fremdere Stadt als Stuttgart. Nun ist er hier, und seinem künstlerischen Anfang mangelt es ein wenig an produktiver Fremde: Die Stilgesten, die er aufbot, waren erwartbar, bekannt, routiniert. Aber sein ungeheurer Arbeitseifer imponiert den Schwaben: sechs Premieren in drei Tagen.

So fängt es an: Auf der Bühne steht ein umgeknickter Strommast, vermutlich haben Öko-Aktivisten ihn umgehackt: schmutziger Konzernstrom war einst hier durchgeflossen. Jetzt hat Götz von Berlichingen sich im stillgelegten Mast einen Ausguck eingerichtet. Zu dessen Füßen siedeln die Rebellen, die sich, unter Götzens Führung, aus dem Staat zurückgezogen haben und diesen nun bekämpfen. Götz erzählt uns in einem Monolog, warum sie das tun: Weil der Staat für die 37.000 Hungertoten verantwortlich ist, die es täglich auf der Welt gibt, für das Elend in den Favelas von Südamerika und den steigenden Meeresspiegel. Wir sind in Goethes Urgötz, inszeniert vom jungen Regisseur Simon Solberg.

Goethe nannte seinen Götz die "Gestalt eines rohen, wohlmeinenden Selbsthelfers in anarchischer Zeit". Solberg zeigt ihn nun im langen Wollnachthemd – ein Träumer also, kein Krieger ist dieser Götz, im Grunde: ein Don Quichotte nicht der Windmühlen, sondern der Strommasten. Simon Solberg will zeigen: einen "Bürgerkrieg von heute".

Der Bürgerkrieg von heute ist ein globaler Krieg der Reichen gegen die Armen. Und die Bauern, die, in Fell gehüllt, gegen die kaiserliche Macht anmarschieren, sind in Stuttgart afrikanische Hungerflüchtlinge.

Das ist inhaltlich ehrenwert und stilistisch auftrumpfend. Für jede Szene findet der Regisseur eine Pointe, auf jede Goethe-Zeile setzt er einen Solberg-Witz. Er hat immer das vorlaute letzte Wort. Den berühmtesten Satz des Stücks sagt Götz hier nicht selbst; sein Gefolge hält ihm Kartons hoch, die aussehen wie jene Pappen, von denen Showmaster ihre Späße ablesen. Auf den Kartons steht: "Er – kann – mich – im – Arsch – lecken." Als Götz, der im Turm zu Heilbronn eingekerkert ist, in einem Aldi-Einkaufswagen auf die Bühne geschoben wird, schleudert ein bis dahin stiller Schwabe im Publikum ein verzweifeltes "Scheiße" in den Saal, erhebt sich und verlässt das Theater.

Da hat der neue Intendant was gelernt: So wild verzweifelt, als risse er sich das eigne Herz aus der Brust, schreit nämlich nur ein Schwabe "Scheiße". Er tut sich mit dem Schrei selbst am meisten weh. Dieser Schrei ist weit weg etwa vom hochmütig produktenttäuschten hanseatischen "Schiet" oder vom aufrührerisch bajuwarischen "Scheißdreck" und erst recht vom herablassend hauptstädtischen "Ham-wer-alles-schon-mal-besser-jesehn" der Berliner. So ruft einer, der nicht anders kann: Er leidet am Theater, aber er wird immer wiederkommen.

Am zweiten Tag gab es Szenen einer Ehe, ein Kammerspiel nach der TV-Serie von Ingmar Bergman. Es inszeniert ein Stuttgarter: Jan Bosse. Hinten auf der Bühne steht eine kleine Festung aus zusammengeschobenen Möbeln: ein komprimierter Familienhaushalt, der Rückstand von 15 Jahren Ehe.

Vorn an der Rampe stehen ein Mann und eine Frau und berichten von ihrer Ehe, vom Wunder ihres Funktionierens, und man spürt: Diese Geschichte wird hier nicht zum ersten Mal erzählt. Ein Paar im Glanz der eigenen Lebenskunst: Man hat einander erzogen und auf höchste Stufen gehoben. Zu sehen ist eine der großen Leistungen unserer Zivilisation: eine geglückte Ehe, in ihre Bestandteile zerlegt von Astrid Meyerfeldt und Joachim Król. Sie stehen an der Rampe wie in einer Doppelconférence, eher dem Publikum zugewandt als einander. Sie spielen das Spiel und moderieren es: Gastgeber und Charakterdarsteller im eigenen Leben. Am Ende, nach vielen Kämpfen, sind sie immer noch zusammen. Man sieht in Filmsequenzen, wie sie ihren 40. Hochzeitstag feiern und wie sie sich, über Jahre hin, die gleichen Geschichten erzählen. Die Wiederholung rettet sie: Zwei glückliche Schiffbrüchige, ihr Floß über den Wellen haltend. Die Stuttgarter sind hingerissen von dieser Aufführung, und das ist natürlich verdächtig: Feiern sie hier ihr eigenes Leben?