Warum berichtet die ZEIT seit Wochen nicht über die politische Krise der Oberbürgermeisterin von Kiel, warum nun nicht über ihren Rücktritt? Aus dem gleichen Grund, aus dem wir monatelang über Susanne Gaschkes Erfolge so wenig wie über ihre zeitweilig große Popularität geschrieben haben: weil wir als befangen gelten mussten, weil wir eingeklemmt waren zwischen nachwirkender Kollegialität und neuer Objektivität, zwischen einer Frau, die 15 Jahre lang Journalistin bei der ZEIT war, und den Standards, die wir uns selbst setzen. Egal, wie diese Zeitung geschrieben hätte, es wäre entweder als offenkundige Parteinahme oder als opportunistische Distanzierung wahrgenommen worden.

Susanne Gaschke hat die ZEIT vor einem Jahr verlassen, weil sie es wollte, mit dem ihr eigenen Mut, ohne Rückfahrticket und mit dem vollen Risiko einer Seiteneinsteigerin. Wir haben ihr dazu Glück gewünscht, Glück, das sie dann doch nicht hatte. Natürlich haben wir genau verfolgt, was ihr da widerfuhr, und mit ihr gelitten, als die Dinge anfingen schiefzugehen. Geschrieben haben wir nicht, weder um ihre Partei zur Mäßigung aufzurufen, noch um Susanne Gaschke von weiteren Fehlern abzuhalten.

Nun ist das Experiment gescheitert, doch auch aus dem Scheitern lässt sich etwas lernen: Susanne Gaschke hat die strenge, wortgewaltige Urteilsbereitschaft der Journalistin mit in die Politik genommen und dann die Erfahrung machen müssen, wie schwer es ist, Fehler zu vermeiden, und wie bitter, harsche Urteile selbst zu ertragen.

Vielleicht lehrt uns diese Geschichte ein bisschen Bescheidenheit beim Urteil über Politiker. Politik ist ein hoch spezialisierter Beruf, um ihn zu erlernen, braucht es Zeit, Demut, Durchhaltevermögen. Und auch ein politisches Milieu, das Lernen zulässt, das bereit ist, sich selbst zu verändern. Letzteres hat es in Kiel nicht gegeben.