Ein Wort ist wieder in aller Munde: Aufklärung! Die Geheimdienste betreiben, wenn sie sich Übersicht über alle privaten Bürgerdaten verschaffen, von Berufs wegen Aufklärung, wie man sagt; und für Aufklärung sorgt nun, da die Herbstabende länger werden, auch der MDR mit einem fünfteiligen Praxisguide zur Optimierung des multioptionalen sexuellen Lebens, allein, zu zweit (Seite 60). Aufklärung hatte allerdings auch mal eine dritte oder vielmehr erste Bedeutung, die durch Immanuel Kant bekannt wurde, dass sie nämlich der Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit sei und also viel mit der Überwindung von Angst und Bequemlichkeit zu tun habe: mit dem Mut, geistig selbst Hand anzulegen, anstatt sich nur mit den Tipps anderer versorgen zu lassen. Das geht nicht prompt und ist gleich erledigt, sondern es dauert und hört nie auf, seit fast 300 Jahren nun. Wegen des Worts, auch dank ein paar Institutionen. Seit dem frühen 18. Jahrhundert entstanden nach und nach die Akademien der Wissenschaft, die sich der Aufklärung verpflichtet sahen, und das hieß: der Gesellschaft und den Regierenden ein verlässliches Wissen bereitzustellen, das es erst mal im Meer des Trügerischen aufzufinden galt.

In Berlin, am Gendarmenmarkt, hat jetzt die Union aller deutschen Wissenschaftskademien für ihren jährlichen Akademientag unter dem Titel Gegenwart der Aufklärung die Türen geöffnet, und die Säle waren voll mit Studenten, Schülern, Bürgern besetzt. Die professionellen wissenschaftlichen Aufklärer waren angenehm in der Minderheit. Zu hören gab es Gespräche unter hochverdienten, zumeist älteren Herren der Wissenschaft, zu sehen aber gab es die Ausstellungen von Werkausgaben, von Büchern also, die dank der Akademien seit Jahrzehnten stetig entstehen: von Schriften der Aufklärer Kant und Friedrich Heinrich Jacobi, des Freiheitsphilosophen Schelling, des Aufklärungsradikalisierers Friedrich Nietzsche und des Aufklärers der Rationalität Max Weber, auch von Karl Jaspers, der unter dem Eindruck des Nationalsozialismus im Denken nach Licht suchte, das auch die Grenzen der Menschen erhellen würde. In diesen Ausstellungssälen herrschte, während von draußen die Nachrichten vom Wüten des Orkans eintrafen, eine wundersame Atmosphäre unspektakulärer Stetigkeit, die dauert und schier unvermeidlich weiterhin dauern muss. Die Brandenburgische Akademie gibt das Werk des Königsbergers Immanuel Kant heraus, im Jahr 1894 hat die Preußische Akademie damit begonnen, jetzt sitzt man in Potsdam an den letzten Bänden zum Opus posthumum und an der Edition der Vorlesungen über Physische Geographie . Editionsgeschichte ist träge, aber sie bewegt sich, auch weil Quellen neu zugänglich werden. Erst 2007 ist etwa das Manuskript "Dönhoff" aufgetaucht, das man verschollen glaubte, jetzt kann es in den Band XXVI.2 mit den studentischen Nachschriften der Kantschen Vorlesung aus der Zeit zwischen 1770 und 1792 eingehen. Natur tobt, Kultur dauert: Und wer sind die Aufklärer der Gegenwart?, fragte einer besorgt. "Aufklärer sind wir alle", sagte da die Historikerin Ute Frevert, und es klang keineswegs alarmiert.