Vielleicht geht es drei oder vier Wochen lang gut, hoffte Steffen Kache im Spätsommer 1992. Damals stieg er mit Freunden in ein altes Leipziger Brauereigelände ein. Draußen gewitterte es, und Kache geisterte durch das riesengroße Kellergewölbe. "Uns war egal, wem das gehörte", erzählt er. Da standen Flaschenkisten und Tanks, über den Stühlen hingen blaue Jacken – als wären die Arbeiter nur kurz rausgegangen. Aber die Arbeiter kamen nie wieder, denn mit der DDR waren auch ihre Arbeitsplätze verschwunden. Und so merkte ein Jahr lang niemand, den es stören könnte, dass im Keller dieser alten Brauerei ein Club entstanden war, dass hier getanzt wurde von Samstagabend bis Sonntagmittag.

Distillery heißt dieser Club, den Kache damals mit aufbaute und den er inzwischen leitet. Heute ist die Distillery die älteste Technodisco Ostdeutschlands – und eine der wichtigsten der ganzen Republik. In den neunziger Jahren legte Paul van Dyk hier auf, "damals noch für 1000 Mark Gage", erzählt Kache. Oder Stars der Szene wie Laurent Garnier und Sven Väth. Leipzig und mehr noch Ostberlin wurden zum Zentrum dieser Musikbewegung. Techno war der Soundtrack der neuen Freiheit in den neunziger Jahren.

Felix Denk kann erklären, wie das kam. Der Journalist ist Autor des Buches Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende . Dafür hat er mit denen gesprochen, die vor 20 Jahren die ersten Clubs aufmachten, Labels gründeten oder Radiosendungen moderierten. Was ein Buch über die Anfangsjahre des Techno in Berlin werden sollte, ist vor allem ein Buch über den Osten geworden. "Ohne die Ostdeutschen hätte es den Technoboom nie gegeben", sagt Denk. "Das war der erste Frühling nach dem Mauerfall, der Westen hatte den Osten entdeckt und die Ossis die neue Musik", sagt ein Clubbetreiber im Buch.

Denn als die Mauer fiel, wurde Platz frei in Ostberlin, standen Fabriken plötzlich leer. Im Westteil der Stadt gab es damals wenig freien Raum und viele Vorschriften für Veranstalter; in Ostberlin hatte man viel Platz und zudem Behörden, die nicht einmal sicher wussten, welche Vorschriften eigentlich galten. So zog die kleine Westberliner Technoszene in den Osten, tat sich zusammen mit den DJs dort. Selbst in einem Weltkriegsbunker in Berlin-Adlershof wurden Boxen aufgebaut und Partys veranstaltet. "Beim Techno war die Location der Star, nicht der DJ", sagt Felix Denk.

Damit erklärt er sich auch, warum viele frühere DDR-Bürger diese Musik so mochten: "Techno war keine götzendienerische Musik, da wurde niemand angehimmelt, nicht mal der DJ. Alle waren gleichberechtigt." Das habe den Ostdeutschen gefallen, glaubt der Autor. Da habe niemand vorn auf der Bühne gestanden, dem man zuhören und den man bejubeln sollte. Denk nennt es den "Sound der flachen Hierarchien". Alles sei mit Verteilungskämpfen verbunden gewesen Anfang der Neunziger – nur eben nicht in der Disco, so erzählt es ein Zeitzeuge im Buch.

Dass die Musik von Berlin und Leipzig aus auch die Clubs der Provinzen erreichte, das ist nicht zuletzt das Verdienst von DJane Marusha. Sie ging nach dem Mauerfall von Nürnberg nach Berlin, moderierte im DDR-Sender DT 64 eine Musiksendung – in einem neuen Stil, "fresh" und "fancy" und voller Anglizismen. Das war neu, und das kam an. Marusha war es, die den Technosound bis ins Erzgebirge und in die Uckermark bekannt machte. Hier hatten sich viele DDR-Bürger ja schon vor 1989 in elektronische Musik verliebt, allem voran in die von Depeche Mode (ZEIT Nr. 20/13).

Und heute stammen viele der erfolgreichen deutschen DJs aus dem Osten: Paul van Dyk, Paul Kalkbrenner oder das Duo Modeselektor. Zu Letzterem gehört Sebastian Szary. "Zur Wende war ich 15, sie kam genau zur richtigen Zeit für mich", sagt er. Szary wohnte mit seinen Eltern am Rande Berlins, gut behütet – und neugierig auf die neue Welt. Damals sei der DJ kein Held gewesen, habe nicht einmal auf einem Pult gestanden – "du konntest dir angucken, welche Platten er spielt". Szary guckte sich das an und vieles ab, später legte er selbst auf. Inzwischen ist das fünfte Studioalbum des Mannes aus Ostberlin erschienen. Allein in diesem Jahr legten Modeselektor in Tokio auf, in Paris und Barcelona. Auf dem Melt, einem der wichtigsten Elektrofestivals in Deutschland, wurde gleich eine Bühne nach Modeselektor benannt. Das Melt findet in einem stillgelegten Tagebau in Gräfenhainichen statt. In Sachsen-Anhalt.