Thomas Brasch war der herausragende, der begabteste Lyriker seiner Generation. Was macht sein Werk so bedeutend? Da ist nicht nur die formale Perfektion – der er zugleich stets geradezu erbittert misstraute; sie also zerstörte. Alles, was heil war, zerbrach er, un-heil ist sein Werk, Unheil atmet jede Zeile. Er hat etwas geschafft, geschaffen, was ganz, ganz selten ist: Das Subjekt ist nicht Teil von Geschichte. Das Subjekt ist Geschichte. Daher es – mit wenigen schwachen Ausnahmen – keinen Erzählton in dieser Lyrik gibt. Sie ist existenzialistisch im un-Sartre’schen Sinne. Existenz als Katastrophe. "Leben ist Fahren: im Kreis." So ist eines der erschütternden Motive, die sich wie die Adern durch den Marmor durch sein gesamtes Œuvre ziehen, die totale Einsamkeit des Menschen; Liebe ist nur ein Annäherungsversuch, zum Scheitern verurteilt von Beginn an: "das lieben lernen doch einander fremd auch bleiben". Brasch hat mir einmal im Gespräch gesagt, Liebe sei, mit auf dem Rücken verschränkten Armen aufeinander zuzugehen. Diesen Zusammenbruch jeglichen Hoffnungshorizonts finden wir durchgehend im Werk, scharf, genau, schmerzend:

So lehrten Sie, einander aus dem Weg zu gehn,
wie schön auf diese weise, lust zu steigern
sich voneinander wegzudrehn statt anzusehn,
einander nicht verweilen, nur verweigern.
Schön wie verlust die lust ersetzen kann
und menschenbaum sich wieder spaltet, ach,
                                                  in frau und mann

So fühlte der Mann, für den Frauen die (bessere) Welt waren; dessen zarte Liebesgedichte betörend sind; der sein Leben lang – bis zur Todesstunde – die Hand seiner großartigen Gefährtin Katharina Thalbach umklammerte; der wie eine Replik auf Courbets Gemälde L’Origine du monde schreiben konnte: "Wenn eine Frau stirbt, ist die Geschichte am Ende." Thomas Brasch langte nach dem Unerlangbaren. Nicht zufällig ist das Hauptwort seines Œuvres "Haut". Mit ihr wollte er die Welt umspannen; doch die Welt entzog sich ihm, so riss seine Haut. Das ist das Existenzielle dieser Lyrik. Er sah wohl "Der Schnitzer bin ich und das Holz" und sah zugleich "das Finster in meinem Schädelhaus". Hier lebte ein Mensch, der sich nicht selber berühren mochte, der viel geliebt hat, aber nicht sich. Thomas Brasch war sich ein Fremder:

Ich sehe mich nicht.
[...]
Was sie da hören, bin ich nicht,
[...]
Ich bin in mir allein
die Augen, die nach innen sehen, sind leer
Wo bin ich nur, wo, was und wer?

Das ist so schrecklich schön, kalt wird einem, der liest, wie ein Mensch sich die eigene Haut vom Leibe schält; ein Objektsubjekt:

Wer immer in mir wohnt,
ich mein nicht mich,
ich mein den Mensch in mir,
wird nicht zufrieden sein,
bevor er alles los ist,
auch sich selbst.

Dieser Mann war nicht einmal sein eigener Ort; ortlos im herkömmlichen Sinne ohnehin – der 1945 im Londoner Exil geborene Jude, Kind eines späteren DDR-Bonzen, der den eigenen Sohn verriet, und "Insasse" eines Landes, dessen Grundgesetz Verrat war und das er 1979 verließ. Braschs ganzes Leben war ein Riss. Der klaffte so tief, wie seine schriftstellerische Arbeit ihn als Wunde bewahrte; von der Erstveröffentlichung (Vor den Vätern sterben die Söhne) bis zu den hier versammelten Gedichten aus dem Nachlass. Noch 1978 nannte er für das Schreiben zwei Voraussetzungen:

Das Land lieben,
seine Verhältnisse hassen.
Das eine ohne das andere ist nichts.
Das andere ohne das eine muß ich verlassen.