Es heißt ja, in Berlin tanzten die Leute auf der Straße und dächten nicht daran, was morgen sein könnte. Ich habe das neulich beobachtet: Auf dem Bürgersteig vor der Bar hatte sich eine Gruppe von Musikern aufgebaut, und ein Paar tanzte auf der Straße. Die Barbesucher freuten sich und guckten zu. Die Touristen blieben stehen und dachten wohl: Endlich ist Berlin so, wie man uns das versprochen hat, wir haben schon die ganze Zeit danach gesucht. Aber schon gleich kam ein Polizeiwagen vorgefahren, und die junge Polizistin ermahnte die Tänzer und Musiker. Sie packten ihre Sachen.

Es war schade, dass die Musik aufhörte, aber andererseits überraschte es mich nicht, denn wenn man ehrlich ist, ist in Berlin nie was los. Ich lebe schon Jahre hier. Es war das erste Mal, dass ich jemanden auf der Straße habe tanzen sehen, und es war nach fünf Minuten vorbei.

Tatsächlich ist das genau der Grund, warum ich hier wohne: Hier leben keine Top-Performer, hier leben Leute, die es gern ruhig und gemütlich haben. Berlin gilt als aufregendste Stadt der Republik. Dabei sind die Bürgersteige leer. Im Winter verschwinden die Frauen unter Parkas, die auf ihre Attraktivität eine ähnliche Wirkung wie eine Burka haben. Event des Jahres ist die weihnachtliche Beleuchtung der Bäume Unter den Linden, die allerdings vor eineinhalb Jahren wegen einer Baustelle gefällt wurden. Eine berühmte Figur des Berliner Nachtlebens, der Besitzer des Clubs Watergate, zu dem junge Menschen aus der ganzen Welt anreisen, hat kürzlich in einem Interview gesagt, er habe am Anfang ab und zu mal Abwechslung ins musikalische Programm gebracht, da sei sein Laden fast pleitegegangen: Die Leute gehen dahin, wo das passiert, was sie erwarteten.

Ist doch in Ordnung. Abwechslung an sich bedeutet nichts. Mir ist es gelungen, das Gefühl der Langeweile von der Kindheit ins Erwachsenenalter herüberzuretten. Wer kann schon im mittleren Alter, in der Rushhour des Lebens, behaupten: Gott, ist mir langweilig? Und wer geht mit mir so weit, zuzugeben: Manchmal trinke ich aus schierer Langeweile.

Dabei ist Langeweile ein guter Grund zu trinken. In Ihrem Leben ist nichts los? Sie können sich fürs Bungee-Jumping anmelden oder Ihre Frisur verändern. Ich empfehle den Besuch in einer Weinhandlung, wo es diese leichten deutschen Rotweine gibt, die einem runtergehen wie Öl. Der Bürotag hat es nicht gebracht? In der Bar um die Ecke löst man dieses Problem im Handumdrehen. Dort lässt es sich genießen, dass nicht immer etwas los ist und nicht ein Event auf das andere folgt. Dass die meisten Tage in Ordnung sind, ohne zu begeistern. Das meiste hat man schon mal erlebt. So ist das, wenn man nicht gerade erst auf die Welt gekommen ist.

In Berlin tanzen sie auf der Straße? Ach, eigentlich ist es hier langweilig