Wer blickt da durch? – Seite 1

So zynisch es klingt: Der NSA-Skandal hat auch sein Gutes. Seitdem Edward Snowden den Kontrollwahn der US-Geheimdienste ans Tageslicht gebracht hat, ist es mit der Internet-Lobhudelei vorbei. Die denkfaule intellektuelle Begleitlobby von Google, Facebook und Co. ist kleinlaut geworden. Wer bislang gegen ihre digital correctness verstoßen und es gewagt hatte, dem Jubelchor der Techno-Evangelisten zu widersprechen, der wurde per Mausklick als "Kulturkritiker" aussortiert. Er war ein analoger Altmensch, der in der Besenkammer seiner Vorurteile die Morgenröte der Zukunft verschläft.

Tatsächlich ist nun eine konkrete Utopie zerplatzt, nicht irgendeine luftige Spinnerei, sondern ein ganz handgreifliches und sehr menschenfreundliches Versprechen. Mitten in dieser kontrollsüchtigen Gesellschaft, so lautete das Versprechen, schaffe das Internet eine Zone radikaler Freiheit. Hier könne sich der Bürger unbeobachtet bewegen; fern von den Argusaugen des Staates, ohne Polizei, Gesinnungskontrolle und den sanften Terror der Mehrheit, kurz: ohne den Großen Anderen, all die unsichtbaren Disziplinarmächte, die den Bürger unter Beobachtung stellen, die sein Reden und Denken regulieren und ihn auf Linie bringen. Das Netz sei ein Geschenk des Himmels, ein machtfreier Raum in der übermächtigen Moderne.

Nachdem sogar die Bundeskanzlerin ins Fadenkreuz der Schnüffler geriet, ahnen auch die Wohlmeinenden: Es war ein Irrtum. Das Internet ist zwar immer noch ein Medium der Freiheit, aber zugleich eine Technologie der Macht; es mag das jüngste Kapitel in der Geschichte der menschlichen Emanzipation sein, doch zugleich ist es auch das allerneueste Werkzeug in der langen Geschichte des Kontrollierens und Überwachens.

Es lohnt sich, einen kurzen Blick auf die Anfänge zu werfen, auf die frühen neunziger Jahre, denn schon damals war zu erkennen, wie spektakulär die Folgen der digitalen Revolution sein würden. Das Internet "verschaltet" nicht nur den Globus; es verändert auch das Verhältnis des Menschen zu den eigenen Äußerungen oder, wie Wissenschaftler sagen, zu seinen Sprechakten.

In der analogen Welt bilden Person und Sprechakt eine Einheit, jeder ist als Urheber seiner Sätze zu erkennen, und jeder meint das, was er sagt – andernfalls wäre er ja verrückt. Diese "hautenge" Verbindung von Person und Sprechen wird vom Internet aufgesprengt, sie wird "aufs Spiel gesetzt" und verflüssigt. Wer sich in einem Chat tummelt, darf anonym bleiben und mit Namen und Scheinidentitäten spielen wie der Jeck im Karneval.

Ursprünglich bedeutet persona Maske, und so sprachen die Soziologin Elena Esposito oder die Philosophin Sybille Krämer davon, das Internet erlaube wieder "theatrale Identitäten", es gebe dem Menschen, bei aller Skepsis, die alte Maskenhaftigkeit zurück, es mache ihn spielerischer und freier. War nicht auch das antike Theater von Anfang an ein Maskenspiel?

Im Schattentheater der Internet-Anonymität entfällt der sehr moderne Zwang, stets eine rational dauergezähmte und berechenbare Person sein zu müssen; stattdessen experimentiert der Benutzer im babylonischen Gemurmel des Netzes mit verschiedenen Rollen und hat sogar die Möglichkeit, sein Geschlecht zu ändern (gender-swapping). "Ich ist ein anderer."

Dann kam Mark Zuckerberg. Auf Facebook, Zuckerbergs berühmter Erfindung, bekommt das Ich wieder eine feste elektronische Adresse, und das Spiel dreht sich gewissermaßen um. Das digitale Subjekt, das sich eben noch hinter einer Maske versteckt hatte, legt seine Tarnung ab und tritt wieder als identifizierbare Person auf die Bühne, diesmal sogar mit Foto. Das Ich ist nicht mehr der andere, das Ich ist wieder Derselbe und sein Leben ein offenes Buch. Was vorher auf dem Maskenball der User mühsam versteckt wurde, wird nun ausdrücklich ausgestellt: Ich bin's. Facebook, schreibt der Soziologe Zygmunt Baumann kritisch, erlöse von der modernen Einsamkeit und verwandele das "Beobachtetwerden von einer Drohung in eine Verheißung".

Doch dann, im Juni des Jahres, die spektakuläre Zäsur: Edward Snowden enthüllt die Machenschaften des amerikanischen Militärgeheimdienstes NSA und liefert den Beweis dafür, dass die liebe Internetindustrie, einst von gut gelaunten Freaks unter kalifornischer Sonne gegründet, gar nicht so hip und harmlos ist. Google ("Don’t be evil") und Konsorten hatten tonnenweise vertrauliche Daten an staatliche Schnüffler weitergereicht und sich beim Überwachen, Kontrollieren und Spitzeln nützlich gemacht.

Mit paranoider Fantasie "beseelt"

Damit war der kalifornische Traum ausgeträumt, der Traum von der progressiv verschmusten Partnerschaft zwischen privatem Internetnutzer und digitaler Industrie. Stattdessen hatte sich eine ganz andere Allianz breitgemacht, ein militärisch-industrieller Komplex aus Staat, Geheimdiensten und Internetkonzernen. Über Nacht bekam der Begriff "Big Data" einen finsteren Klang, und nur die deutsche Bundesregierung stellte sich taub und versuchte, die Aufregung als putzige Panikmache linker Vögel lächerlich zu machen. Systematische Verletzung von Grundrechten? "Der Bürger soll sich selbst schützen", denn was ist schon ein kleiner Bürger im Vergleich zum großen Ganzen. Bis die Kanzlerin, die Schaden vom Volk abwenden soll, selbst abgehört wurde, denn "das geht gar nicht" (Angela Merkel).

Für das digitale Ich ist das ein Schock. Eben noch hatte es das Internet als Bühne der Freiheit erlebt, nun weiß es: Es muss mit Beobachtern rechnen, von denen es gar nicht beobachtet werden will. Auf der einen Seite lauert die heißhungrige Datenkrake der Internetindustrie, die aus jeder Suchanfrage Profit schlägt und so den Kreislauf der Kommunikation kurzschließt mit dem Kreislauf der Ökonomie. Auf der anderen Seite warten die transnationalen staatlichen Späher, die Überseekabel anzapfen und denen alles verdächtig ist, erst recht das, was nicht verdächtig ist. Sind sie erst einmal losgelassen, dann sammeln ihre data miner alles von allen. Sie sammeln sämtliche "Fingerabdrücke" im Netz, sie kennen alle politische Leidenschaften und geheimen Wünsche. Diese Späher sind allnighter, sie schlafen nie und werden niemals satt. Sie spüren jede Quelle auf und schlürfen sie aus.

Nun wird es ziemlich gemein. Die Beobachtungsmächte – Internetindustrie und Staatsspäher – sammeln nämlich nicht bloß Daten, sondern verbinden und "konfigurieren" die Informationen, die sie durch automatisierte Abschöpfung über eine Person gewonnen haben. Auf diese Weise entsteht ein digitaler Zwilling, ein beliebig aushorchbarer Doppelgänger im Netz, eine Chiffrenexistenz, die auch dann noch weiterlebt, wenn der Datenspender längst tot ist.

Dieser "persönliche" Datenzwilling hat für den Originalmenschen etwas zutiefst Unheimliches, und zwar nicht nur deshalb, weil man ihn nicht sieht, sondern weil er zugleich aus Eigenem wie auch aus Fremdem besteht. Sein "Datenkörper" verdankt sich der lebendigen Ausgangsperson und ihren Suchbewegungen; doch sein "Charakter" und seine "Seele" werden von der Internetindustrie definiert – von fremden Blicken, fremden Interessen, fremden Profilern.

Mit einem Wort: Das Ebenbild im Netz ist ein Wesen, das anonyme Beobachter aus Datenmaterie geformt und mit ihrer paranoiden Fantasie "beseelt" haben. Das Ich ist wieder ein anderer, doch diesmal ist es kein freies Spiel mit wechselnden Masken, sondern es ist Ernst. Niemals wird man wissen, was das eigene Netzdouble so treibt, und niemals wird man erfahren, was die Beobachter alles erspäht, erkundet und gehortet haben. Es ist so, als habe man seinen Schatten verkauft. Der Ausdruck Entfremdung ist dafür ein recht harmloses Wort.

"Ich habe nichts zu verbergen." Das ist die Standardphrase, mit der viele achselzuckend auf den Speicherwahn reagieren, auf all die schmutzigen Geheimnisse, die nun aufgeflogen sind. "Ich fühle mich unbeobachtet. Ich denke nicht einmal dran."

Aber stimmt das? Kann man sich vornehmen, einen Gedanken erst gar nicht zu denken – oder hat man ihn dann bereits gedacht? Die Perfidie der Überwachung besteht ja gerade darin, dass sich die Beobachter nicht identifizieren lassen; man weiß von ihnen nur, dass man nichts von ihnen weiß. Sie müssen gar nicht drohen und fuchteln, es reicht, wenn sie Ungewissheit erzeugen. "Nie sollst du wissen, wann wir dich beobachten, damit du dich nie unbeobachtet fühlen kannst." Die Späher sind einfach "da", sie schleichen durchs Imaginäre und setzen das Leben des Einzelnen in den Konjunktiv: "Es könnte ja sein ..."

Das reicht schon. Es könnte sein, dass man beobachtet wird – schon dieser Gedanke ist eine Nötigung, er macht unfrei und zwingt den Internetbenutzer dazu, sich in daueralarmierter Wachsamkeit mit dem Auge des Beobachters zu beobachten. Was weiß er, was ich nicht weiß? Bin ich verdächtig? Bin ich schuldig? Mit der fröhlichen Naivität des Maskenspiels, mit der oft gefeierten Wiederkehr des "Theatralischen" im Netz, ist es vorbei. Nichts mehr scheint unschuldig und die gespielte Unschuld schon gar nicht.

Natürlich gibt es jederzeit die Möglichkeit, die Flucht nach vorn anzutreten, alle Masken fallen zu lassen und nichts mehr zu verschlüsseln. "Ich habe nichts zu verbergen, und genau das ist mein Geheimnis." Man zeigt sich dem anonymen Auge nackt und verbirgt sich durch Enthüllung. Doch seine alte Souveränität erhält man dadurch nicht zurück, denn schließlich tut man es nicht freiwillig.

"Sein ist Gesehenwerden." Dieser Satz des irischen Philosophen George Berkeley (1685 bis 1753) ist in der europäischen Kulturgeschichte eine heilige Formel, und in der Digitalmoderne scheint sich seine Einsicht zu erfüllen, wenngleich ganz anders, als sie einmal gemeint war. Für Berkeley ist es der Blick des Gegenübers, der als verlängerter Blick Gottes den Menschen anerkennt und in seinem Sein bestätigt. Ganz anders im Netz: Der Blick des "Gegenübers" kann nicht erwidert werden, der weltliche Beobachtergott bleibt anonym, voller Argwohn und Rachsucht. Sein Blick ist panoptische Kontrolle, und der Gesehene wird in seinem "Sein" durch ihn nicht geschaffen, sondern fragmentiert, gespalten, verunsichert.

Die Kulturgeschichte hält übrigens für einen Beobachter, der sich selbst nicht beobachten lässt, ein schönen abendländischen Ausdruck bereit: Es ist der Teufel. Natürlich könnte man den Teufel aus dem Netz austreiben. Man müsste es nur wollen.