Damit war der kalifornische Traum ausgeträumt, der Traum von der progressiv verschmusten Partnerschaft zwischen privatem Internetnutzer und digitaler Industrie. Stattdessen hatte sich eine ganz andere Allianz breitgemacht, ein militärisch-industrieller Komplex aus Staat, Geheimdiensten und Internetkonzernen. Über Nacht bekam der Begriff "Big Data" einen finsteren Klang, und nur die deutsche Bundesregierung stellte sich taub und versuchte, die Aufregung als putzige Panikmache linker Vögel lächerlich zu machen. Systematische Verletzung von Grundrechten? "Der Bürger soll sich selbst schützen", denn was ist schon ein kleiner Bürger im Vergleich zum großen Ganzen. Bis die Kanzlerin, die Schaden vom Volk abwenden soll, selbst abgehört wurde, denn "das geht gar nicht" (Angela Merkel).

Für das digitale Ich ist das ein Schock. Eben noch hatte es das Internet als Bühne der Freiheit erlebt, nun weiß es: Es muss mit Beobachtern rechnen, von denen es gar nicht beobachtet werden will. Auf der einen Seite lauert die heißhungrige Datenkrake der Internetindustrie, die aus jeder Suchanfrage Profit schlägt und so den Kreislauf der Kommunikation kurzschließt mit dem Kreislauf der Ökonomie. Auf der anderen Seite warten die transnationalen staatlichen Späher, die Überseekabel anzapfen und denen alles verdächtig ist, erst recht das, was nicht verdächtig ist. Sind sie erst einmal losgelassen, dann sammeln ihre data miner alles von allen. Sie sammeln sämtliche "Fingerabdrücke" im Netz, sie kennen alle politische Leidenschaften und geheimen Wünsche. Diese Späher sind allnighter, sie schlafen nie und werden niemals satt. Sie spüren jede Quelle auf und schlürfen sie aus.

Nun wird es ziemlich gemein. Die Beobachtungsmächte – Internetindustrie und Staatsspäher – sammeln nämlich nicht bloß Daten, sondern verbinden und "konfigurieren" die Informationen, die sie durch automatisierte Abschöpfung über eine Person gewonnen haben. Auf diese Weise entsteht ein digitaler Zwilling, ein beliebig aushorchbarer Doppelgänger im Netz, eine Chiffrenexistenz, die auch dann noch weiterlebt, wenn der Datenspender längst tot ist.

Dieser "persönliche" Datenzwilling hat für den Originalmenschen etwas zutiefst Unheimliches, und zwar nicht nur deshalb, weil man ihn nicht sieht, sondern weil er zugleich aus Eigenem wie auch aus Fremdem besteht. Sein "Datenkörper" verdankt sich der lebendigen Ausgangsperson und ihren Suchbewegungen; doch sein "Charakter" und seine "Seele" werden von der Internetindustrie definiert – von fremden Blicken, fremden Interessen, fremden Profilern.

Mit einem Wort: Das Ebenbild im Netz ist ein Wesen, das anonyme Beobachter aus Datenmaterie geformt und mit ihrer paranoiden Fantasie "beseelt" haben. Das Ich ist wieder ein anderer, doch diesmal ist es kein freies Spiel mit wechselnden Masken, sondern es ist Ernst. Niemals wird man wissen, was das eigene Netzdouble so treibt, und niemals wird man erfahren, was die Beobachter alles erspäht, erkundet und gehortet haben. Es ist so, als habe man seinen Schatten verkauft. Der Ausdruck Entfremdung ist dafür ein recht harmloses Wort.

"Ich habe nichts zu verbergen." Das ist die Standardphrase, mit der viele achselzuckend auf den Speicherwahn reagieren, auf all die schmutzigen Geheimnisse, die nun aufgeflogen sind. "Ich fühle mich unbeobachtet. Ich denke nicht einmal dran."

Aber stimmt das? Kann man sich vornehmen, einen Gedanken erst gar nicht zu denken – oder hat man ihn dann bereits gedacht? Die Perfidie der Überwachung besteht ja gerade darin, dass sich die Beobachter nicht identifizieren lassen; man weiß von ihnen nur, dass man nichts von ihnen weiß. Sie müssen gar nicht drohen und fuchteln, es reicht, wenn sie Ungewissheit erzeugen. "Nie sollst du wissen, wann wir dich beobachten, damit du dich nie unbeobachtet fühlen kannst." Die Späher sind einfach "da", sie schleichen durchs Imaginäre und setzen das Leben des Einzelnen in den Konjunktiv: "Es könnte ja sein ..."

Das reicht schon. Es könnte sein, dass man beobachtet wird – schon dieser Gedanke ist eine Nötigung, er macht unfrei und zwingt den Internetbenutzer dazu, sich in daueralarmierter Wachsamkeit mit dem Auge des Beobachters zu beobachten. Was weiß er, was ich nicht weiß? Bin ich verdächtig? Bin ich schuldig? Mit der fröhlichen Naivität des Maskenspiels, mit der oft gefeierten Wiederkehr des "Theatralischen" im Netz, ist es vorbei. Nichts mehr scheint unschuldig und die gespielte Unschuld schon gar nicht.

Natürlich gibt es jederzeit die Möglichkeit, die Flucht nach vorn anzutreten, alle Masken fallen zu lassen und nichts mehr zu verschlüsseln. "Ich habe nichts zu verbergen, und genau das ist mein Geheimnis." Man zeigt sich dem anonymen Auge nackt und verbirgt sich durch Enthüllung. Doch seine alte Souveränität erhält man dadurch nicht zurück, denn schließlich tut man es nicht freiwillig.

"Sein ist Gesehenwerden." Dieser Satz des irischen Philosophen George Berkeley (1685 bis 1753) ist in der europäischen Kulturgeschichte eine heilige Formel, und in der Digitalmoderne scheint sich seine Einsicht zu erfüllen, wenngleich ganz anders, als sie einmal gemeint war. Für Berkeley ist es der Blick des Gegenübers, der als verlängerter Blick Gottes den Menschen anerkennt und in seinem Sein bestätigt. Ganz anders im Netz: Der Blick des "Gegenübers" kann nicht erwidert werden, der weltliche Beobachtergott bleibt anonym, voller Argwohn und Rachsucht. Sein Blick ist panoptische Kontrolle, und der Gesehene wird in seinem "Sein" durch ihn nicht geschaffen, sondern fragmentiert, gespalten, verunsichert.

Die Kulturgeschichte hält übrigens für einen Beobachter, der sich selbst nicht beobachten lässt, ein schönen abendländischen Ausdruck bereit: Es ist der Teufel. Natürlich könnte man den Teufel aus dem Netz austreiben. Man müsste es nur wollen.