Schon nach drei Minuten im Sattel habe ich Lust aufzugeben. Lwiw nennt sich zwar "Fahrrad-Hauptstadt" der Ukraine, aber ich bewege mich kaum vom Fleck. Binnen kürzester Zeit kommt es zu Beinahezusammenstößen mit Bimmelbahnen, Taubenschwärmen, Kutschen und kutschenbewundernden Touristen. Entnervt steige ich wieder ab.

Lwiw wird in Reiseführern gern als schlafende Schöne des Ostens beschrieben. An diesem sonnigen Nachmittag ist die Schöne definitiv wach; sie wirkt geradezu aufgeputscht. Das Kopfsteinpflaster der Innenstadt ist kaum zu sehen, so viele Leute schlawinern darauf herum. In der Mitte des Marktplatzes protzt das Rathaus, gebaut in einer Zeit, als Lwiw noch österreichisch war, Lemberg hieß und öfter mal Besuch vom Kaiser bekam. Die Bürgerhäuser rundherum stehen vielfarbig Spalier, davor ballt sich der touristische Betrieb. Fahrrad fahren ist ausgeschlossen. Kann Lwiw wirklich das Beste sein, was die Ukraine Fahrradfahrern zu bieten hat? Wie steht es dann wohl um den Rest des Landes?

"Viel, viel schlechter!" Das hat mir Oleh Schmid bereits am Tag zuvor versichert, als wir in einem hohen, stuckverzierten Saal des Rathauses zusammentrafen. Der Saal, betonte er, diene meist zum Empfang hochrangiger Delegationen. Ich sollte mich geehrt fühlen: so viel Aufmerksamkeit für jemanden, der in Lwiw nur mit dem Fahrrad fahren möchte.

Oleh Schmid arbeitet als Berater des Bürgermeisters für die Entwicklung der Fahrrad-Infrastruktur. Er ist 52 Jahre alt, trägt blond gefärbte Haare und ist schon deshalb stolz auf seinen Job, weil niemand sonst in der Ukraine ein ähnliches Amt bekleidet. Seinen Posten bekam er im Vorfeld der Fußballeuropameisterschaft 2012, als in der Ukraine vieles möglich schien. Schmid ist studierter Ingenieur, hat aber zuletzt vor allem als Journalist gearbeitet. Man wusste, dass er in seinen Urlauben europäische Fernradwege abfuhr, von Stettin nach Oslo etwa, 100 Kilometer am Tag. Das genügte als Einstellungsgrund. Danach lief vieles nicht so gut wie erwartet, aber immer noch besser als anderswo. Lwiw hat inzwischen 30 Kilometer Fahrradwege, Kiew hat 15.

Ich würde jetzt gern mal einen dieser 30 Kilometer sehen. Aber in der Fahrrad-Hauptstadt scheint das nicht so einfach zu sein. Mittlerweile habe ich das Zentrum der Altstadt verlassen und den Stadtteil Galitskij erreicht. Das Fahrrad kommt nun wenigstens zum Einsatz. Die Straßen sind menschenleer – ein geheimnisvoller Bann hält die Touristen offenbar zwischen Rathaus, armenischer Kathedrale und Oper gefangen. Auf einmal sehe ich, was ich vorher nicht wahrgenommen habe, weil ich nur Augen für Autoreifen, Kinderwagen und Verkehrsampeln hatte: die Lwiwer Secession.