Mit ihren beiden Pflegekindern leben sie im Erdgeschoss einer Neubausiedlung in Wien-Floridsdorf auf 115 Quadratmetern, mit einem nahezu genauso großen dazugehörigen Garten. In der gepflegten Wohnung herrschen Struktur und Ordnung: glatte Holzböden, großzügige Möbel, in den Regalen Bücher und Spielzeug. Jedes der Kinder hat ein eigenes Zimmer, sie wirken Abbildungen aus Katalogen nachempfunden. Die beiden gebürtigen Oberösterreicher sind penible und geistesgegenwärtige Leute. Beim Waschbecken steht neben dem halb vollen noch ein voller Seifenspender – für alle Fälle. Man merkt, dass hier für die Kinder ein möglichst gemütliches Zuhause geschaffen werden sollte. Das Bemühen des Paares wirkt bürgerlich, fast spießig, sie wollen alles richtig machen. Eine Ursache dafür ist wohl auch die Befürchtung, die Lebensweise von Stephan und Thorsten, ihre Partnerschaft, könnte auf gesellschaftliche Ablehnung stoßen, reflektiert Stephan. "Wie jede andere Minderheit neigen wir Schwule vielleicht auch dazu, gewisse Dinge zu übersteigern, um mehr Akzeptanz zu erfahren."

Pflegeelternschaft ist oftmals ein emotionaler Drahtseilakt, vor allem wegen der Unsicherheit, die im Hinterkopf bleibt, das Jugendamt könne die Obsorge wieder entziehen. "Es kann immer der berühmte Onkel aus Amerika auftauchen", sagt Stephan. "Oder ein anderer Verwandter, der sagt, dass er sich um das Kind kümmern möchte." Das Umfeld des schwulen Paares nimmt Anteil an dieser schwierigen Situation, "die Leute fragen oft besorgt, ob uns die beiden wieder weggenommen werden können".

Natürlich würden die Leute fragend blicken, wenn sie diese Familie zum ersten Mal sähen, sagt Stephan: "Es ist ja nicht so alltäglich, dass zwei Männer zwei Kinder haben." Aber schlechte Erfahrungen hätten sie bisher nicht machen müssen, weder im Kindergarten oder beim Arzt noch daheim bei den Großeltern in ihrer oberösterreichischen Heimat.

Das Familienleben stellt Stephan und Thorsten trotzdem vor enorme berufliche Herausforderungen: Stephan ist Alleinverdiener und sein Partner Thorsten derzeit zu Hause – unfreiwillig. Er wollte seinen Reisebürojob im Rahmen einer Karenz eine Zeit lang verlassen, nachdem er erfahren hatte, dass das Paar ein Pflegekind aufnehmen werde. Pflegeeltern – ungeachtet der sexuellen Orientierung – stehe gesetzlich aber keine Karenz zu, argumentierte der Arbeitgeber. Auf ein Entgegenkommen hoffte Thorsten vergeblich. Also reichte er seine Kündigung ein, um sich um die Kinder kümmern zu können. Seit mehr als zwei Jahren ist er nun arbeitslos. In der Zwischenzeit ist auch die leibliche Schwester des Buben dazugekommen, gleich drei Tage nach der Entbindung kam sie zu dem schwulen Paar.

Die öffentliche Hand jedenfalls weiß ein solches Engagement zu nutzen. Schließlich nehmen Leute wie Stephan und Thorsten den Behörden viel Arbeit ab und sorgen für ein stabiles familiäres Umfeld für die Pflegekinder. Dafür erhalten die beiden auch das sogenannte Pflegeelterngeld, pro Kind 450 Euro, 16 Mal im Jahr. Dennoch suchen die Jugendbehörden laufend nach Interessenten. Immer wieder auch mit groß angelegten öffentlichen Kampagnen, beispielsweise derzeit in Wien.

Ob Pflegeelternschaft für Homosexuelle möglich ist oder nicht, entscheiden die jeweiligen Bundesländer. In Wien etwa gibt es homosexuelle Pflegeeltern bereits seit fast zwei Jahrzehnten. Von den anderen Bundesländern sträubt sich lediglich das von der ÖVP regierte Niederösterreich dezidiert dagegen. Hier will man keinem "diffusen medialen und gesellschaftlichen Gruppendruck nachgeben" und nicht "umfallen", wie ein Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt des Bundeslandes der Tageszeitung Kurier sagte. In allen anderen Bundesländern hingegen, auch dort, wo die ÖVP mitregiert, ist die homosexuelle Pflegeelternschaft durchaus möglich. Etwa in Tirol, Salzburg und auch in Oberösterreich, dessen Landeshauptmann Josef Pühringer zugleich die Apokalypse heraufziehen sieht, wenn homosexuelle Paare Kinder aufziehen.

Angesprochen auf diese schizophrene Situation, gibt die Bundes-ÖVP nur inhaltsleere Stehsätze von sich. Man betont die "Natürlichkeit" sowie "christlich-soziale Werte" und beschwört das Kindeswohl, das ja eigentlich immer noch am besten durch Vater und Mutter, Mann und Frau sichergestellt sei.

Die Pflegeeltern Stephan und Thorsten bemühen sich indessen, an unangenehme Fragen aktiv heranzugehen. Etwa ob dem Mädchen weibliche Vorbilder fehlen werden, wenn es eines Tages älter wird. "Da schauen wir, dass wir beispielsweise unsere Schwestern möglichst viel einbinden", sagt Stephan. Das Paar erhebt keinen eifersüchtigen Anspruch auf die beiden Pflegekinder, im Gegenteil. Der Kontakt zur leiblichen Familie müsste in jedem Fall gefördert werden, sagt Thorsten. Nicht nur, weil es die Pflicht aller Pflegeeltern ist, sondern "damit sich die Kinder damit wohlfühlen und wissen, woher sie sind", sagt er. Einmal im Monat sehen die beiden ihre leibliche Mutter.

Das Geschwisterpaar jedenfalls wird wohl weiterhin bei Thorsten und Stephan aufwachsen. Unter den Augen von Papi und Papa werden die beiden größer werden, mit dem Paar leben. "Und hoffentlich", sagt Stephan und lacht, "ziehen sie auch irgendwann einmal wieder aus."