Wer der Akazie im Süden von Mexiko zu nahe rückt, muss sich auf Gegenwehr gefasst machen. Bewacht von einer Armee sechsbeiniger Soldaten der Ameisenart Pseudomyrmex ferrugineus, ist der Baum eine wahre Festung. Konkurrierende Pflanzen werden schonungslos niedergemacht, Fressfeinde wie Heuschrecken oder Schmetterlinge von den Ameisen vertrieben. Die Akazie lässt sich diesen Service etwas kosten. Sie belohnt ihre Bodyguards mit Nektar, der bereits vorverdaut ist und den sie über kleine Drüsen auf der Blattoberfläche abgibt. Von der energiereichen Kost ernähren sich die Ameisen. Außerdem bietet der Baum den Insekten Unterschlupf in seinen Stacheln, die innen hohl sind. Mutualismus heißen solche Partnerschaften, von denen beide Seiten profitieren.

Doch die scheinbar harmonische Teamarbeit zwischen Pflanze und Tier birgt ein Geheimnis. Die Ameisen tun alles, um ihren Wirt zu verteidigen und weichen selbst dann nicht, wenn ihr Leben bedroht ist. Warum suchen sie bei Gefahr nicht einfach anderswo nach Nahrung? Wissenschaftler um den Biologen Martin Heil vom mexikanischen Forschungsinstitut Cinvestav Irapuatod und vom Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena haben herausgefunden, warum die Ameisen ihren Wirt bis in den Tod verteidigen. Sie können nicht anders. Sie sind abhängig.

Um Ameisen in die Sucht zu treiben, benutzt die Akazie den Stoff, den die Insekten zum Leben brauchen. Der Baum verführt die Tiere mit dem nährstoffreichen Nektar, der Frucht- und Traubenzucker enthält und von den Ameisen leicht verdaut werden kann. Neben den beiden Zuckern enthält der Nektar aber auch eine Reihe von Enzymen, die diesen vor mikrobieller Besiedelung schützen sollen.

Die Forscher fanden nun heraus, dass Proteine im Nektar noch eine weitere Funktion erfüllen. Sie zerstören die Fähigkeit der Ameise, Saccharose zu verdauen. Das Zuckermolekül, aus dem auch unser Haushaltszucker besteht, kommt im Pflanzenreich am häufigsten vor und würde den Ameisen normalerweise viel Energie liefern. Trinken aber frisch geschlüpfte Arbeiterinnen von dem Nektar, sind sie nicht mehr in der Lage, die Saccharose zu spalten. Den Ameisen bleibt nur noch ein Weg, um zu überleben: Sie müssen sich vom Nektar der Akazie ernähren. Ihre einzige Futterquelle verteidigen sie deshalb um jeden Preis.

Doch die Partnerschaft könnte von fremden Nektardieben gestört werden. Die Akazie hat auch für dieses Problem eine Lösung gefunden. Wieder liegt das Geheimnis in Substanzen, mit denen der Nektar angereichert ist. Er enthält eine Reihe von sogenannten Protease-Inhibitoren. Wie der Name verrät, blockieren sie die Enzyme, mit denen Tiere Proteine im Nektar verdauen. Wenn Käfer von dem Nektar trinken, hat eine Studie aus diesem Frühjahr nachgewiesen, können sie keinerlei Eiweiße in ihrer Nahrung mehr verwerten. Der Nektar ist also toxisch. Die süchtige Ameise Pseudomyrmex ferrugineus hat dieses Problem nicht. In ihrem Darm findet sich eine Protease, die von den Inhibitoren der Akazie nicht angegriffen wird.

Beispiele von solchen Bodyguard-Manipulationen sind im Tier- oder Pflanzenreich keine Seltenheit. Es gibt Wespen, die sich Kakerlaken gefügig machen, und Korallen, die Grundeln zu Hilfe rufen, wenn sie von giftigem Seegras überwuchert werden. In der afrikanischen Steppe sind Akazien und Ameisen eine ähnlich enge Partnerschaft wie in Südmexiko eingegangen. Dort sind die Insekten so aggressiv, dass sie sogar Elefanten vertreiben, wenn diese versuchen, die Blätter zu fressen.