DIE ZEIT: Frau Schenkel, Ihre Krimis spielen in Bayern, ist es da besonders gruselig?

Andrea Maria Schenkel: Ich grusele mich selten, eigentlich ist es mir nur einmal passiert, und das war in Irland. Dort habe ich eine Freundin besucht, um Kalteis zu schreiben. Ich war in einem kleinen Cottage untergebracht und habe mich so sicher gefühlt, dass ich immer alle Fenster offen gelassen habe. Nachmittags bin ich zu meiner Freundin gefahren, um ihr vorzulesen, was ich an dem Tag geschrieben hatte. Ich war schon zwei Wochen dort, da hat sie mir erzählt, dass genau in der Gegend seit zwei Jahren ein Serienmörder gesucht wird. Als ich im Finsteren zurück in mein Häuschen kam, habe ich sofort alle Fenster zugemacht. Dann habe ich alles durchwühlt. Sogar den Schrank, in dem der Boiler war, obwohl in den nur ein Zwerg gepasst hätte.

ZEIT: Verwenden Sie so ein Gefühl dann in Ihren Büchern?

Schenkel: Ja, ich habe Bilder vor Augen und versuche, zu beschreiben, was ich in einem Moment empfunden habe. Oder wie ich glaube, dass die Figur empfindet.

ZEIT: Sie benutzen für Ihre Romane historische Stoffe. Wie kommen Sie auf die?

Schenkel: Es gibt tolle Archive, und ab und zu lese ich dort alte Zeitungen durch. Wenn ich etwas Interessantes finde, suche ich gezielt weiter.

ZEIT: Und das Vorbild für Ihr neues Buch Täuscher?

Schenkel: Das war einfach, weil der Fall Ludwig Eitele auf derselben Zeitungsseite vom 2. April 1922 war wie Hinterkaifeck, der Fall, der Tannöd zugrunde liegt. Mich hat neugierig gemacht, dass beides am selben Tag passiert ist, am 31. März 1922. Im Staatsarchiv auf der Burg Tausnitz haben sie noch eine ganze Kiste dazu, inklusive der Krawatte, die Ludwig Eitele bei seiner Verhaftung getragen hat. Ein Strickteil, schlank, schwarz und weiß gestreift. Mit einem Papierpfeil, auf dem steht "Blut?" – und da war ein kleiner Fleck.

ZEIT: Bei Ihnen sind die Opfer oft Frauen, die im Grunde ambitioniert und selbstständig sind und dann ganz schrecklich bezahlen müssen.

Schenkel: Das stimmt, ich habe einen Hang dazu. Wer weiß, wie schrecklich ich noch dafür bezahlen muss. Jeder hat wahrscheinlich einen roten Faden, der sich irgendwie durch sein Leben zieht.

ZEIT: Was beschäftigt Sie da? Das sind alles Frauen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts leben.

Schenkel: Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die sehr von selbstständigen Frauen dominiert war. Meine Eltern sind geschieden, und schon meine Großmutter väterlicherseits hatte sich 1946 scheiden lassen, damals in Regensburg noch ein gesellschaftlicher Super-GAU. Nach dem Krieg hat sie sich eine Stelle suchen müssen, aber sie hatte keinen Beruf gelernt. Ihr war von Geburt her angedacht gewesen, zu heiraten und einen Haushalt zu führen. Sie hat dann im deutsch-amerikanischen Institut als Putzfrau gearbeitet und mit ihr die Tochter eines Regensburger Künstlers, weil auch die keine andere Möglichkeit hatte. Die zwei waren ein ganz herziges Team, sie haben in der Bibliothek geputzt, und beide mochten nichts lieber als lesen. Irgendwie waren sie, obwohl sie gestrandet waren, am richtigen Ort.

ZEIT: Und Ihre Mutter?

Schenkel: Der Mutter meiner Mutter ist 1932 der Mann gestorben, und sie musste sehen, wie sie ihre acht Kinder durchbringt. Egal, wo man hinschaut, waren in unserer Familie Frauen auf sich gestellt. Ich weiß nicht, ob sie am Schluss mit sich im Reinen waren, aber sie haben alle kein leichtes Leben gehabt.

ZEIT: Wie waren Ihre eigenen Pläne als junges Mädchen?

Schenkel: Für mich kam es eigentlich nicht infrage, zu heiraten. Das klingt komisch, weil ich ja verheiratet war und drei Kinder habe. Aber mit 15 habe ich mir das anders vorgestellt. Ich wollte unabhängig sein.

ZEIT: Warum ist es anders gekommen?

Schenkel: Mit 18 habe ich meinen späteren Mann kennengelernt. Er war die große Liebe meines Lebens. Man ändert dann die Pläne. Ich habe auch lange gebraucht, für mich selber Mut zu fassen. Deshalb habe ich am Anfang eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen. Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben, aber jedes Mal, wenn ich sie nach meiner Scheidung besuchte, war ihre erste Frage: Hast du genügend Geld? Sie war in Sorge, dass ein Beruf, der mit Kunst zu tun hat, brotlos ist, und ich nicht genug haben könnte, um die Kinder durchzubringen.