Österreich hatte er sich als charmantes Land im Herzen Europas vorgestellt. Hoch entwickelt, reich an Ideen und weltoffen. Wien, die bezaubernde Metropole an der Donau. Im Urlaub war er schon einmal da gewesen, auf eine Melange und eine Sachertorte. Doch es dauerte nicht lange, bis sich sein positives Bild in das Gegenteil verkehrte und er beinahe als illegaler Einwanderer geendet wäre. Dabei wollte Carlos, ein junger Softwarespezialist aus Südamerika, der in Wahrheit anders heißt, bloß zu seiner Freundin ziehen und den Job annehmen, den ihm eine Firma anbot. Nur wie? Mit einem Arbeitsvisum?

Die österreichische Botschaft sagte ihm, er solle auf die Webseite schauen. "Auf welche Webseite?", fragte Carlos, ohne eine genaue Antwort zu bekommen. Schließlich informierte ihn das Unternehmen, das ihn unbedingt anstellen wollte: Er solle eine Rot-Weiß-Rot-Karte beantragen – jenes Instrument, das die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten regelt. Für Carlos war das der Startschuss zu einer wahren Odyssee, die ihn mehr Lektionen über Österreich lehrte, als es ein Deutschkurs je gekonnt hätte.

Mehr Hochqualifizierte brauche das Land, heißt es zwar unisono in Politik und Wirtschaft. Der Wettbewerb um die besten Köpfe ist weltweit in vollem Gang. Doch anstatt sich zu bemühen, vorn mitzumischen, verlor sich Österreich in Negativdebatten über ungeregelte Zuwanderung und brachte nur eine halbherzige Lösung zustande.

Die Gewerkschaft blockiert wie ein wehrhafter Igel den Zugang zum Arbeitsmarkt. Der Behördenweg für Spitzenkräfte aus Drittstaaten gleicht einem Hindernislauf. Und die viel beschworene "Willkommenskultur" existiert oft nur in der Fantasie von Politikern.

Immerhin hatten sich die Sozialpartner Mitte des Jahres 2011 dazu entschlossen, das alte Schlüsselkraftverfahren durch ein neues System zu ersetzen, um mehr Kapazunder anzulocken. Für Qualifikation, Berufserfahrung, Deutsch- und Englischkenntnisse sowie das Alter werden Punkte vergeben. Wer die Mindestanzahl erreicht, Jobzusage, Krankenversicherung und einen Mietvertrag vorweisen kann, darf zuwandern. Bloß Änderungen stellten sich kaum ein. Nach wie vor dominieren 30 Prozent Techniker und 20 Prozent Fachkräfte den tröpfelnden Zustrom. Erst danach folgen 19 Prozent Wirtschaftstreibende in gehobener Position, ein paar Wissenschaftler, andere Arbeitskräfte und Sportler. Die Karte sei "gar nicht so begehrt", titelte die Austria Presse Agentur, sie sei "ein Flop", spitzten der ORF und andere Medien beherzt zu: Statt der erwarteten 8.000 Zuwanderer seien im ersten Jahr bloß 1.500 Menschen gekommen. Dass dieser Zielwert laut Experten erst 2030 erreicht werden sollte, wurde geflissentlich verschwiegen.

Angeblich durch ein Missgeschick der Legisten fiel zudem die Möglichkeit, dass Firmen den Antrag im Inland einbringen können, die im alten Verfahren noch bestand, aus dem neuen Gesetz. Nun müssen sich die Zuwanderer persönlich darum kümmern.

Nachdem Carlos herausgefunden hat, in welcher der fünf Kategorien er sich bewerben soll, hält er eine Checklist der Botschaft in Händen. Papiere, Zeugnisse und Formulare muss er ins Deutsche übersetzen und notariell beglaubigen lassen. Drei Wochen später hat er alles beisammen und ist um ein paar Hundert Euro ärmer. Es könne aber bis zu vier Wochen dauern, bis alles in Wien gelandet sei, teilt die Botschaft mit: Die Anträge werden nämlich per Diplomatenpost verschickt, und die geht nicht jeden Tag.

Der Behördenweg führt vom Außen- über das Innenministerium, zur Niederlassungsbehörde, die prüft und schickt den Akt an das Arbeitsmarktservice (AMS). Dort werden die Punkte vergeben, allenfalls wird nachgeforscht, ob nicht auch ein Arbeitsloser den Job machen könnte, und alles läuft retour. Im Idealfall erhält der Antragsteller am Ende grünes Licht von der Botschaft, dass er ein Visum beantragen und einreisen kann. Oder man kommt aus einem Land, aus dem die Einreise ohne Visum möglich ist, packt alle Unterlagen ein und reist selbst an – wie Carlos.

Als sein Flugzeug in Schwechat landet, beginnt die Uhr zu ticken. 90 Tage darf er als Tourist im Land bleiben: etwas mehr als zwölf Wochen. Die vorgesehene Erledigungsfrist für seinen Antrag beträgt acht Wochen. "Die erreichen wir nur in ganz wenigen Fällen", sagt die Mitarbeiterin einer Relocation-Agentur, die das Verfahren für Unternehmen abwickelt. "Unter zwölf Wochen hast du keine Chance. Wenn die Leute noch auf das Visum warten müssen, dauert es bis zu vier Monate, bis sie definitiv kommen können." Manchen müssten die Firmen Wartegeld zahlen: "Es ist schon passiert, dass wir Anträge zurückziehen mussten. Aber nicht selten kommen diese Leute gar nicht, wenn sie hören, wie lange es dauert."

Die Zahl der neu erteilten Rot-Weiß-Rot-Karten des Jahres 2013 dürfte nur knapp über den 1100 Karten des Jahres 2012 zu liegen kommen, prophezeit ein neuer Bericht des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo. Die Entwicklung ist wenig dynamisch. Mehr als zwei Drittel der Karten gingen an Europäer, im Wesentlichen an Personen aus Ex-Jugoslawien und dem russischsprachigen Raum.

Es habe Wochen gedauert, bis die Behörde von einer Novelle erfuhr

Vierzig Prozent aller Karten werden in Wien vergeben. Auf dem Referat für Erstanträge der Magistratsabteilung 35 in der Dresdner Straße herrscht dicke Luft. Die Beamten seien überfordert, oft aggressiv, erzählen die Anwälte und Agenturleute, die frühmorgens eine Nummer ziehen und sich mit ihren Klienten in die Schlange stellen. "Als ich 40 Minuten warten musste, war ich total happy", erzählt Carlos. "Das Längste waren drei Stunden." Weil er nur wenig Deutsch kann und es mit Englisch probiert, wird eine Mitarbeiterin zornig. "Ich merkte, dass sie Englisch spricht. Aber sie sagte, wir sind in Österreich, das muss alles auf Deutsch sein." Offiziell aus Gründen der Rechtssicherheit. Unfreundlichkeit habe in der täglichen Arbeit keinen Platz, sagt eine Sprecherin.