Das ist neu: Ein Fragebogen des Vatikans geht diesmal nicht nur an die Bischöfe. Die Gemeinden sollen antworten. Der Monarch will wissen, wie sein Volk denkt. Ob es die Vorgaben des Hofes richtig findet, ob es die Vorgaben überhaupt kennt und ob es ihnen folgt. Das Volk darf sogar Änderungen vorschlagen. Ein gefährlicher Moment: Die Macht lässt sich infrage stellen. Doch sie hat noch alle Machtmittel in der Hand. Sie könnte die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, ohne darauf zu reagieren. Und wenn der Papst eine Tür öffnet, wenn ein Monarch volkstümlich wird, bangen seine Minister. Sie versuchen, die Tür wieder zu schließen. Der Fragebogen des Vatikans spiegelt genau diese Situation: Der Papst will das Volk beteiligen. Damit untergräbt er die Macht der Bischöfe. Zumal sie für die Belehrung des Kirchenvolks verantwortlich sind. Man kann es an den originalen Fragen ablesen. Sie wurden in Rom so verklausuliert, dass manch einfacher Gläubiger sie nicht verstehen wird. Wir haben sie hier in Klartext übersetzt. So wird sichtbar, dass der Vatikan die Wirklichkeit kennt. Er fragt nach der Praxis der katholischen Ehe. Denn längst nicht alle Gläubigen richten sich nach den römischen Vorgaben. Der Vatikan gesteht es ein. Das ist neu. Nach der Fragebogenaktion wird es schwieriger für die Amtskirche sein als zuvor, die Wirklichkeit zu ignorieren.