Erste Vorbemerkung: David Foster Wallace ist Gegenstand religiöser Verehrung – seit seinem Monumentalwerk Unendlicher Spaß von 1996 und mehr noch seit seinem Selbstmord im Jahr 2008. Als Gott steht ein Schriftsteller über der Literaturkritik. Er wird beschützt von Gläubigen, die sich ihren Heilsbringer nicht von Einwänden beschädigen lassen wollen. Da kann man als Kritiker nichts machen.

Zweite Vorbemerkung: Das Schreiben von Großromanen durch Großschriftsteller gilt weithin als athletische Disziplin: Der Großschriftsteller ackert sich den Achttausender hoch, bezwingt schweißüberströmt die letzte Felswand, hockt sich als anerkannter, Blitze schleudernder Weltenschöpfer auf den Gipfel und ist dort nicht wieder herunterzukriegen. Leistung muss sich lohnen, daher großer Applaus für die männliche Tat, auch von Gipfelhockern aus den Bereichen Wirtschaft und Politik, die im Literaturathleten einen seelenverwandten Machtmenschen entdecken; es folgt die Einladung nach Davos. Man kann als demokratischer Kritiker diese monarchistischen, ja atavistischen Grundlagen des Großschriftstellertums noch so sehr verachten, man kann sich noch so sehr eine Literatur ohne Schweiß und ohne diese klassisch männliche sportliche Leistungsbereitschaft wünschen – da kann man nichts machen. Die alte Männergötterheldennummer funktioniert.

Womit sich diese Besprechung des aus nachgelassenen Fragmenten zum Roman collagierten Werks des Großschriftstellers David Foster Wallace mit dem Titel Der bleiche König im Grunde kampfunfähig geschossen hat. Trotzdem noch dies: Obetrol. Das ist ein Markenname aus einer Zeit, als US-amerikanische Ärzte der depressiven Hausfrau gern ein wenig Speed verschrieben, zum Aufputschen oder auch Abnehmen. Obetrol gehörte zu den Lieblingsdrogen Andy Warhols und ist heute als Adderall auf dem Markt. Im Bleichen König gibt es eine Figur, die Chris Fogle heißt, Steuerprüfer wird und ihren Lebensweg bis in dieses Amt beschreibt, was endlos dauert. Zu Fogles Drogenerfahrungen gehört das Einwerfen von Obetrol, was sein Bewusstsein so sehr schärft, dass er den Zustand "sich verdoppeln" nennt. Damit ist sehr schön die Absicht des ganzen Romans beschrieben: Der bleiche König ist im Grunde ein Weltverdopplungsprojekt, in dessen Verlauf jede Entscheidung jeder Figur so weit und so detailgenau in der Biografie zurückverfolgt wird, jede ihrer Regungen in einer solchen Breite ausgelotet wird, bei gleichzeitig maximaler Tiefe, dass eine einfache Entscheidung für einen neuen Job auf 108 Seiten begründet werden muss und eine Fahrt vom Flughafen zur neuen Arbeitsstelle 57 Seiten währt. Ein abendliches Gespräch unter Steuerprüferkollegen, bei dem die beiden Beteiligten herauszufinden versuchen, ob sie zu gegenseitiger Empathie fähig sind, wo diese endet, ob es sich hier vielleicht sogar um einen Flirtversuch handelt und wie man überhaupt gemeinsam herausfinden könnte, wo die Grenze zwischen kollegialer Empathie und Flirt verläuft, endet nach 70 Seiten ziemlich ergebnislos.

Wie bei allen Drogen kommt es auch bei Einnahme dieses Romans zu Nebenwirkungen: Die Zeit scheint stehen zu bleiben, und gleichzeitig dehnt sie sich fast endlos aus. Die gefühlte Lesezeit entspricht der Lebenszeit sämtlicher Romanfiguren, und zwar nacheinander. Dieser Autor läuft einen Marathon mit der Intensität eines Kurzstreckenläufers, die erzählerische Dichte einer Kurzgeschichte wird auf 627 Seiten ausgebaut. Als Leser fährt man mit Wallace Achterbahn: Er führt einen in schwindelerregende Höhen der Erzählkunst und lässt einen dann plötzlich abstürzen, weil er beschlossen hat, mechanisch weiterzuschreiben wie ein Roboter, ein Buchhalter oder Steuerprüfer. Dieser unvermittelte erzählerische Strömungsabriss war schon ein Kennzeichen von Unendlicher Spaß: der plötzliche Einbruch von unendlichem Krampf. Immer wieder scheint den großen Mitfühlenden Wallace alle Empathie zu verlassen.

Thema des Buches ist vielen Quellen zufolge die Langeweile. Das lässt sich auch gut belegen – es spielt unter Angehörigen eines Provinzbüros des Service, der US-amerikanischen Steuerbehörde IRS, und deren Motivationsbeauftragter verklärt in einer Schlüsselrede das Aushalten bürokratischer Monotonie zum Akt des Heroismus: "Wahres Heldentum, das sind Minuten, Stunden, Wochen, Monate und Jahre der stillen, präzisen und umsichtigen Ausübung von Sorgfalt und Redlichkeit – und niemand sieht zu und jubelt. Das ist die Welt." Wallace’ Roman Unendlicher Spaß handelte von monumentaler Zerstreuung; nur logisch, dass Der bleiche König nun das Ende aller grandiosen Fantasien verherrlicht, monumentalen Stumpfsinn und alltägliches Grau.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Aber Wallace gräbt sich in jede seiner Figuren und ihre Weltwahrnehmungs- und Erfahrungsverarbeitungsmechanismen so tief hinein, dass es am Ende um Wahrnehmung und Erfahrung selbst geht, um die Bedingungen von Wahrnehmung und Erfahrung an sich. Wobei aus der Gleichzeitigkeit von Wahrnehmung und der Reflexion von Wahrnehmung nichts anderes werden kann als eine Überforderung, die nun via Literatur in Lust verwandelt werden muss. Unter Wallace’ Figuren sind zwanghafte "Faktenseher", Menschen, die unfähig sind, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden, und Sozialphobiker, die noch in schwierigster Lage geradezu übermenschliche Kräfte darauf verwenden müssen, Schweißausbrüche zu vermeiden. In jeder dieser Gestalten steckt ein Stück von David Foster Wallace als Sisyphos und heroischer Neurosenstemmer. Die Weltwahrnehmung und -bewältigung des Autors selbst ist hier das übermächtige Thema: DFW und wie er die Welt sah. Der Abschlussbericht des Welterfahrungsbuchprüfers.

Wie alle Prosa von Wallace ist auch Der bleiche König das Zeugnis eines Autors, der sich der Wirklichkeit auf besonders schmerzhafte Weise ausgeliefert fühlt. Den Wahrnehmungsapparat von David Foster Wallace muss man sich als monströse Datenverarbeitungsmaschine denken, die sich offensiv weigert zu gewichten und allem gerecht werden will. Die kleinste Seelenregung steht gleichberechtigt neben den erdrutschartigen Zeitgeistverschiebungen der Reagan-Ära. Bei Wallace bleibt das Schreiben bei aller Sportlichkeit ein Zeugnis der Lebensunfähigkeit. Er ist der Schutzheilige aller Nerds auf Psychopharmaka, und Nerds auf Psychopharmaka bestimmen die Welt, in der wir leben.

Die Operation, den Bleichen König wie Frankensteins Monster aus toten Resten zusammenzunähen, aus im Nachlass gefundenen Fragmenten und Computerdateien, ist gelungen: Der Roman lebt und fühlt sich an wie von Wallace. Der Übersetzer Ulrich Blumenbach zeichnet die heftigen Ausschläge der Erzählkurve mit Schwung und Witz nach, mit schönem Mut zur Eleganz und zur Erfindung. Eine Angst verlässt einen bei der Lektüre nie: plötzlich zu erfahren, dass man dieses Lebensverdopplungsbuch schon in der Wiege zu lesen begonnen hat. Und dass es an der Tür klopfen wird, wenn man es schließt, weil einen dann der Teufel holt. Nur wenn man ganz fest zu David Foster Wallace betet, wird diese Angst nicht wahr.