Ein Mann sitzt am Morgen unter der Markise eines Cafés in Mailand. Es regnet, das Wasser spritzt ihm auf die Schuhe. Er zieht an seiner Zigarette, Chesterfield. Er trägt eine angeschabte Jeansjacke und eine Schirmmütze mit Anker-Emblem, seine Koteletten wachsen ihm über beide Wangen. Auf dem linken Handrücken prangt das Tattoo eines Dreimasters mit geblähten Segeln, und auf seinen Fingern sind vier Buchstaben eintätowiert: L O S T.

Wenn man den Mann so sieht, könnte er auch einer sein, der gerade ein schweres Fahrzeug 1.000 Kilometer durch die Nacht gefahren hat. Dabei wird er in nicht einmal drei Monaten eine Haute-Couture-Show in Paris präsentieren. Kaum eine Personalie wurde mit so viel Spannung erwartet wie diese: Welcher Designer wird das legendäre Pariser Haus Schiaparelli wieder zum Leben erwecken? Mehr als 60 Jahre nachdem das Couture-Atelier geschlossen wurde? Nun sitzt er hier, Marco Zanini, 42 Jahre alt, und schaut zu, wie die Via Genova, an der das Café liegt, im Regen versinkt. Nervös?

"Erinnern Sie mich bitte nicht daran", sagt er, so im Scherz. In den vergangenen Jahren sind immer wieder traditionsreiche Modemarken, die in Vergessenheit geraten waren, neu belebt worden. Manche erfolgreich, so wie Lanvin, Vionnet und Carven. Doch bei Schiaparelli liegt der Fall anders. Denn Elsa Schiaparelli ist unvergessen.

Die in Rom geborene Designerin prägte die Mode der Zwischenkriegszeit in Paris. Sie prägte den Begriff der Avantgarde, brachte den Dadaismus und den Surrealismus in die Mode. Und machte aus einem Kleid erstmals etwas, was auch unterhaltsam sein kann. Sie hat Haute Couture mit roten Reißverschlüssen geschneidert, Stoffe wie Zeitungsseiten bedruckt und einen Hut kreiert, der an einen umgedrehten Schuh erinnert. In den 23 Jahren, in denen sie ihr Atelier betrieb, wirbelte sie mit so vielen Ideen durch die Modewelt, dass vieles von dem, was später kam, nur wie ein Remake von Schiaparelli aussehen konnte.

Und nun soll Marco Zanini ihr nicht nur nachfolgen, er muss auch so schnell sein wie sie. "Der Zeitplan ist natürlich mörderisch, aber das ist in unserer Branche nichts Neues. Man muss schon gut trainiert sein, um so ein Tempo mithalten zu können", sagt er. Zaninis Ernennung ist erst ein paar Wochen alt, er hat sich nicht lange damit aufgehalten, Glückwünsche entgegenzunehmen. Die meiste Zeit ist der Mailänder nun in Paris unterwegs und wühlt sich durch die Archive. In den Couture-Ateliers wie Lesage und Lemarie hat man alle Auftragsarbeiten, alle Stickereien und Kamelienblüten, die je für Elsa Schiaparelli gefertigt wurden, aufbewahrt. "Es ist unglaublich, diese Originale zu sehen", sagt Zanini. "Ich habe versucht, alles über sie zu lesen. Sie war kultiviert und intelligent und hat diese Intelligenz als Waffe benutzt." Elsa Schiaparelli konnte Stücke schaffen, die unerhört waren, etwa ein Kleid in Form eines Skelettes, das sie 1938 zusammen mit Salvador Dalí entwarf. Trotzdem stellte sie sich nie abseits der Pariser Gesellschaft. In ihrer Autobiografie macht die Modeschöpferin aus ihrer epochalen Bedeutung kein Geheimnis. "Ich kenne Schiap nur vom Hörensagen", schreibt sie dort. "Sie ist für mich so etwas wie eine fünfte Dimension." Fünf Dimensionen, weniger geht nicht.

Es ist viel über die Wiedererweckung dieser Marke spekuliert worden. Schließlich wird das Comeback schon seit Langem erwartet. Die Marke war 2006 von dem italienischen Mode-Unternehmer Diego Della Valle gekauft worden. Zuvor wurden mit dem Namen vor allem pinkfarbene Halstücher oder Parfüms verramscht (solche Lizenzgeschäfte hatte Elsa Schiaparelli noch selbst veranlasst). Della Valle ist Besitzer der hochprofitablen italienischen Luxusmarken Tod’s, Hogan und Fay – und bekannt als jemand, der beim Erfolg nichts dem Zufall überlässt.

Della Valle hat das ehemalige Appartement von Elsa Schiaparelli an der Place Vendôme wieder eingerichtet als eine Art Museum mit Kunstwerken und Entwürfen von Cocteau, Bérard und Man Ray. Das meiste stammt zwar nicht aus dem Besitz von Elsa Schiaparelli, aber atmet doch etwas vom Geist dieser Frau. Della Valle hatte sogar eine Art Stellvertreterin Elsa Schiaparellis auf Erden eingestellt, das Ex-Model Farida Khelfa, das in seiner Erscheinung und seinem Selbstbewusstsein ein bisschen an die berühmte Designerin erinnert – und als Botschafterin einer Marke, die es noch nicht gab, die Gäste durch das knallbunte Appartement führte. So war alles zusammen: Der Name, die Kunst, ein Gesicht – es fehlte eigentlich nur noch die Kleidung. Mit der Wahl des Designers ließ man sich viel Zeit. Und je länger es dauerte, desto verwegener wurden die Spekulationen. Es wurde spekuliert, dass einer der ganz großen Namen auf der Einkaufsliste stehe. Etwa John Galliano, der bei Dior gefeuert worden war, nachdem er volltrunken in einer Kneipe seine Bewunderung für Hitler kundgetan hatte. Auch Jean Paul Gaultier wurde immer wieder genannt, der bei Hermès aufgehört hatte. Ihnen traute man die Ausgeflipptheit und das Über-Ego zu, das man mit dem Namen Schiaparelli verband.