Neue Ermittlungen gegen Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank: Diese Nachricht schreckte Anfang der Woche die deutsche Finanzwelt und mehr noch die Medien auf. Da war von einer "spektakulären Wendung" die Rede, einem "schweren Rückschlag" für den Kulturwandel zum Besseren bei Deutschlands führendem Kreditinstitut. Der Dauerstreit um die Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch – dessen Spätfolgen nun neben ehemaligen Vorständen auch den aktiven Chef Fitschen treffen – halte die Bank "in Atem".

Die Staatsanwaltschaft München geht dem Verdacht des Prozessbetrugs nach. In einem Zivilverfahren zum Fall Kirch soll Fitschen "unrichtig" ausgesagt haben. Dieser Verdacht ist keine Petitesse. Die Bank aber gab sich "überzeugt, dass sich der Verdacht als unbegründet erweisen wird", also eher gelassen als "in Atem" – und man kann sagen: zu Recht. Selbst wenn man die Details des Verfahrens außen vor lässt, die durchaus auch Zweifel an den Vorwürfen zulassen. Jürgen Fitschen wankt nicht, trotz der Ermittlungen.

Zum einen steht die Deutsche Bank hinter ihrem Chef. Fitschen muss vorerst keinen internen Widerstand fürchten, auch wenn dies bereits das zweite Verfahren gegen ihn ist. Nach Informationen der ZEIT erfuhr Fitschen schon im Oktober von den Münchner Ermittlungen. Vor allem aber, bestätigen mehrere Personen, war der Aufsichtsrat der Bank über die neue Entwicklung im Bilde, als er Fitschens Vertrag als Chef an der Seite von Anshu Jain in der vergangenen Woche bis 2017 verlängerte. Eine Person, die bei der Sitzung anwesend war, berichtet sogar, Fitschen selbst habe dem Kontrollgremium die Lage und seine persönliche Sicht der Dinge geschildert. Als der Aufsichtsrat inklusive Arbeitnehmervertretern die Verlängerung abnickte und Aufsichtsratschef Paul Achleitner sagte, man wisse das Haus "in guten Händen", taten sie das im Wissen, dass neuer Ärger drohte. Wohl auch im Wissen, dass die Bank mit Josef Ackermann bereits einen Chef hatte, der im Fall Mannesmann sogar vor Gericht musste, alles überstand und noch lange das Haus führte.

Zum anderen handelt es sich bei den Ermittlungen um genau das – um Ermittlungen. Noch gibt es keine Anklage, geschweige denn einen Prozess. Ermittlungen sind ergebnisoffen zu führen. Verdächtige gelten so lange als unschuldig, bis ihre Schuld bewiesen ist. In der Wut über das Versagen vieler Banker geraten derlei Grundsätze derzeit gerne in Vergessenheit. Dabei lehrt auch die Erfahrung, erst einmal abzuwarten. In den vergangenen zehn Jahren sind viele Verfahren nach großem Knall zu Beginn später still eingestellt worden. Andere ziehen sich ewig hin, ohne dass es auch nur zur Einstellung oder Anklage gekommen wäre. Auch das Verfahren, das nun auf Fitschen ausgeweitet wurde, läuft seit zwei Jahren.

Hinschauen, hinterfragen – das muss man. Hyperventilieren nicht.