Enthaltsamkeit ist billig, vergleicht man den braven deutschen Michel mit Amerikanern, Briten und Franzosen, die seit 1945 kaum aufgehört haben, rings um die Welt zu kämpfen und zu bluten. Aber die Abstinenz hat auch ihren Preis, wie der gerade verkündete Abzug des französischen 110. Infanterieregiments aus Donaueschingen zeigt.

Der offizielle Grund ist das liebe Geld: Frankreich muss sparen, und die Stationierung im Ausland ist teurer als die daheim. Aber die Sache geht tiefer. Ein anonym bleibender französischer General orakelt: "Die Auflösung des Regiments" könne sehr wohl zur "Auflösung der deutsch-französischen Brigade führen", seit 24 Jahren das gepanzerte Unterpfand der Freundschaft. Zyniker könnten mit "Na und?" kontern. Eine "richtige" Brigade sei das Ding ohnehin nie gewesen; ihre 5.000 Mann sind über ein halbes Dutzend Standorte in beiden Ländern verstreut – die Jäger und Husaren hier, die Artillerie und Logistik dort. Symbolik ging stets über Einsatzfähigkeit.

Ganz falsch ist dieses Urteil nicht. Die Soldaten haben miteinander getafelt (aber nur den Franzosen war der Wein im Dienst erlaubt). Sie haben gemeinsam geübt und sind am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, zusammen auf den Champs-Élysées aufmarschiert. Aber in den Kampf? Jamais , nie – außer bei der Katastrophenabwehr während der Elbüberflutung 2002.

Das 110. ist eine Vorzeigebrigade geblieben, und die tiefere Ursache ist altbekannt: Die Deutschen wollen nicht, weshalb die Franzosen in Libyen und Mali auf eigene Faust gekämpft haben. Hinzu kommt ein anderer Klassiker: Das Gerät passt nicht zusammen, mithin auch nicht die Ersatzteilversorgung. Das Problem hat sich in jüngster Zeit verschärft. In Serbien und Afghanistan waren die Deutschen noch dabei. Jetzt gilt: kein Einsatz, nie und nirgendwo.

Wozu dann noch die Brigade?, fragen sich die Franzosen. Use it or lose it lautet ein geflügeltes englisches Wort – nutzen oder stutzen. In diesem Sinne wäre die Auflösung des 110., das schon im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die britischen Rotröcke gekämpft hat, mehr als nur eine Frontbegradigung in der Kampagne gegen die Staatsschulden. Frankreich, die Economy-Macht, die gern Business fliegt, will kriegsfähig bleiben. Deshalb bleibt der neue Stützpunkt in Abu Dhabi unangetastet. Warum knappe Ressourcen in einer Einheit versenken, die nie eingesetzt wird, weil die deutschen Freunde nicht mitmachen – heute weniger denn je?

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Die Brigade wird nicht komplett verschwinden, aber selbst Symbole sind gegen Aushöhlung nicht gefeit. Für Berlin ist das "bedauerliche" (de Maizière) Ende des 110. Regiments ein Menetekel. Es könnte einer realistischen französischen Einschätzung entspringen, wonach die Deutschen nicht mehr bündnisfähig seien – nicht einmal im europäischen Rahmen. Können, wollen sie überhaupt noch strategisch denken?

Die Franzosen haben trotz aller gegenteiliger Beteuerungen die Frage auf ihre Art beantwortet – Sag’ zum Abschied leise au revoir, wie die FAZ titelt. Die Amerikaner schätzen Deutschland als wirtschaftlichen Koloss, haben es aber als strategischen Partner abgeschrieben, dito die Briten. Welche Ironie! Die Deutschen haben sich nach 1945 geschworen, nie wieder allein zu sein. In der strategischen Arena schreitet die Selbstisolierung voran.