Bevor die Geschwister Scholl ihre Flugblätter gegen Hitler verteilten (und dafür 1943 hingerichtet wurden), war schon ihr Vater durch kritische Äußerungen aufgefallen. 1942 saß er im Gefängnis, weil er Hitler als "Geißel Gottes" bezeichnet hatte. Kleine Rätselfrage: Welches Lied spielte Sophie Scholl abends vor dem Kerker auf der Flöte, um ihn zu trösten? Lösungshinweis: Es war genau jenes Lied, das der Dresdner Kreuzchor 71 Jahre später, also dieser Tage, auf einer China-Tournee eigens aus seinem Repertoire gestrichen hat, nachdem die Konzertagentur vor Schwierigkeiten mit der Zensur gewarnt hatte. Was um Himmels willen – um des Platzes des Himmlischen Friedens willen – mag das gewesen sein?

Wir wollen es nicht zu schwer machen. Es war nichts extra Exotisches oder Rebellisches. Man muss schon die Paranoia der internetüberwachenden Geheimdienste verinnerlicht haben, um einen Verdruss der chinesischen Parteidiktatur zu befürchten. Die Hauptzeile des Textes findet sich bereits bei Cicero: "Liberae sunt nostrae cogitationes." Fällt jetzt der Groschen? Ja, es ist tatsächlich das alte deutsche Volkslied Die Gedanken sind frei, das im 19. Jahrhundert, in der drückenden Zeit des Vormärzes, von den Studenten so gerne gesungen wurde. "Und sperrt man mich ein / Im finsteren Kerker, / Das alles sind rein / Vergebliche Werke. / Denn meine Gedanken / Zerreißen die Schranken / Und Mauern entzwei: / Die Gedanken sind frei!"

Die DDR seinerzeit hat sich vor einer mauersprengenden Wirkung nicht gefürchtet. Das Lied wurde sogar in einem Defa-Film gesungen (Aus dem Leben eines Taugenichts, 1972). Aber vielleicht war das ein Fehler? Der Dresdner Kreuzchor mit seinem historischen Tiefengedächtnis mag sich das gefragt haben und wollte am Ende nicht mitschuldig werden an einem Untergang der chinesischen Kommunisten, mit denen doch alle Welt gedeihlich auskommen möchte. Man kann sich die Sorge der Kreuzchorleitung um ihre weltgeschichtliche Verantwortung wahrscheinlich gar nicht drückend genug vorstellen.

Und schließlich – wer weiß? Das Lied hat seine Suggestionskraft. Für den Verfasser dieser Zeilen genügte die harmlose Tyrannei einer Grundschullehrerin, um das Lied nie ohne Tränen der Bitterkeit mitsingen zu können. Vielleicht ist das sein Geheimnis: nicht die Beschwörung der Gedankenfreiheit, sondern die mitschwingende Bitterkeit, die das Lied auch für echte Tyrannen gefährlich machen kann. Vielleicht muss man so feige wie der Kreuzchor sein, um nicht einmal an den Verzweiflungskern des Menschen rühren zu wollen.