Ein grausames kapitalistisches Gesetz lautet: Wer zu klein ist, wird von der übermächtigen Konkurrenz zermalmt. Als einziger Trost bleibt oft das Gefühl der moralischen Überlegenheit, bei dem die öffentliche Meinung sekundiert: Sie steht auf der Seite der Wehrlosen und buht die Allesfresser gnadenlos aus. Im deutschen Buchhandel kennen Hugendubel und Thalia dieses Spiel bestens – und zwar von beiden Seiten.

Als Hugendubel in den achtziger Jahren anfing, das Konzept des Buchladens zu revolutionieren – mit Büchertischen, Sofaecken, Infopoints –, verwandelte sich der Münchner Traditionskonzern bald in eine Teufelsgestalt. Ebenso Thalia, das im Norden mit einem ähnlichen Kaufhaus-Charme-Konzept reüssierte: Filiale um Filiale wurde eröffnet, mit immer größeren Flächen und mehr Büchern im Angebot, als jemals zuvor möglich schien.

Je größer die Konzerne wurden, desto lauter wurde der Groll der Konkurrenz und der Medien: Bücher sind doch keine Massenware! Mit ihren Mengenrabatten machen die Konzerne Gewinne, gegen die kleine Buchläden nicht ankommen! Sie zerstören die altehrwürdige Buchkultur! Hugendubel und Thalia waren die bad guys. Bis Anfang des Jahrtausends ein neuer Spieler auftauchte und den Schwarzen Peter übernahm: Amazon. Die Deutschen kauften plötzlich rasend gerne ihre Bücher im Netz, Konsumtempel waren out. Hugendubel und Thalia schlossen irgendwann reihenweise Filialen. Ihr Untergang schien nur eine Frage der Zeit.

Doch was machen diese neuen deutschen Gallier, die beide vor Kurzem noch selbst als übermächtige Römer galten? Sie schließen einen Pakt und greifen den Feind frontal in dessen elektronischem Reich an: mit E-Books. Gemeinsam mit der Telekom, Weltbild und dem Bertelsmann-Buchclub entwickelten Thalia und Hugendubel das Lesegerät Tolino, seit März auf dem Markt. Eine Totgeburt, dachten viele. Doch der Tolino macht sich prächtig. Amazons Kindle ist mit gut vierzig Prozent zwar immer noch Marktführer, aber jedes dritte E-Book wird in Deutschland auf einem Tolino runtergeladen. Kein anderes Lesegerät ist Amazon so dicht auf den Fersen.

Die Tolino-Macher jubeln, der Erfolg scheint zurückzukehren. Doch in den Triumph platzt die Nachricht, dass sich eine Allianz zwischen den Tolino-Betreibern und dem unabhängigen Buchhandel zerschlagen hat. Thalia, Hugendubel und Co. wollen eine Beteiligung der Buchhändler an den Investitionskosten und ausschließlich ihren Tolino in den Buchhandlungen: Der bad guy steckt wohl noch in ihren Genen. Wer aber profitiert von der deutschen Uneinigkeit? Der böse Ami Amazon.