Wenn sich die Wirklichkeit wieder einmal weigert, unseren Vorstellungen zu entsprechen, ist das ärgerlich. Das kommt nicht nur im Alltag vor, der uns mit Kaltwetterfronten im Hochsommer oder plötzlich sich einstellender Ernüchterung in Liebesdingen vor den Kopf stößt, sondern auch in der Wissenschaft. Dort formen sich die Vorstellungen als Modelle und Theorien aus. Ihr Zweck ist es, wie Emanuel Derman meint, "Wahrsagerei" zu betreiben, Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. Der südafrikanische Physiker und Finanzwissenschaftler Derman hat ein Buch über Modelle geschrieben, das von der Unzuverlässigkeit solcher wissenschaftlichen Prognosen handeln soll. Models Behaving Badly heißt seine Überschrift für dieses Phänomen.

Zur Erklärung dieses schlechten Benehmens erläutert er zunächst die Unterschiede zwischen Theorien und Modellen. Ein Modell ist demnach ein Vergleich, ein Bild von etwas bereits Bekanntem, das herangezogen wird, um etwas noch Unbekanntes zu erklären – eine Metapher also, die, wie Derman sogleich erkennt, nur von begrenzter Anwendbarkeit ist, weil sie sich auf einen Aspekt der Sache fokussiert und damit nur eine Teilwahrheit offenbart. Eine Theorie hingegen sei, so Derman, im Grunde identisch mit der Sache selbst. Das ist erstaunlich kurz gedacht, in philosophischer und wissenschaftstheoretischer Hinsicht eher bizarr. Und skurril ist es auch, dass Derman dann ausgerechnet Spinozas schon etwas in die Jahre gekommene, nämlich um 1670 entstandene Theorie der Emotionen heranzieht, um seine Auffassung von Theorien zu untermauern. Nun denn, es geht ihm ja primär um Modelle. Indem er also zum einen durch den Vergleich mit Theorien die Unzulänglichkeiten von Modellen verdeutlicht, zum anderen beispielhaft einige Modelle aus der Finanzwissenschaft durchexerziert, möchte er erläutern, warum sich mithilfe eines Modells nicht immer stabile Vorhersagen treffen lassen – sich Modelle also schlecht benehmen.

Aber vielleicht tut das ja eher die Wirklichkeit? Dermans behavioristische Metapher vom schlechten Benehmen ist hübsch, funktioniert jedoch, typische Modell-Problematik, auch nur eingeschränkt. Derman räumt das implizit ein, wenn er in seinem Fazit zu Finanzmarktmodellen schreibt, die Wirklichkeit sei nun einmal zu komplex, um sich hinreichend oder gar vollständig in einem Modell abbilden zu lassen.

Hier käme eigentlich wieder die alte, absurde Weisheit von Jorge Luis Borges ins Spiel, wonach es eine exakte Landkarte nur im Maßstab 1 : 1 geben kann: Um alles abzubilden, muss die Karte deckungsgleich mit der Wirklichkeit sein. Dass wissenschaftliche Modelle – und Theorien übrigens auch – Verkürzungen bedeuten, dass sie Phänomene typisieren und deshalb unscharf sind, ist Dermans etwas dürftige Erkenntnis. Auch über die Unzulänglichkeit der Modelle, die globale Finanzkrise seit 2008 vorherzusagen, wurde schon öfter nachgedacht. Aber womöglich ist Dermans Buch vor allem Ausdruck einer Enttäuschung. Während seiner langjährigen Arbeit für die Investmentbank Goldman Sachs hat Derman die Wetterlaunen des Finanzmarktes hinlänglich kennengelernt, die auch durch Modelle nicht in den Griff zu bekommen sind. Man spürt bei ihm einen Vorwurf an die Finanzwissenschaft, die vorgebe, eine exakte Wissenschaft zu sein, obwohl sie es nun einmal nicht sei – und, wie Derman ja begründet, auch nicht sein kann. Vielleicht also erzählt Emanuel Derman einfach die Geschichte einer von der Wirklichkeit enttäuschten Liebe.